Kritik zu Wild Christmas

© Kinowelt

Über John Frankenheimers Wild Christmas könnte man wie bereits über seine letzte Arbeit, Ronin, sagen: Solche Filme macht heute niemand mehr in Hollywood - und damit wären bereits die großen Stärken wie auch die Schwächen des Films angedeutet

Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 1)

Auf der einen Seite ist Reindeer Games, so der schönere Originaltitel, ein packendes Stück Macho-Kino in bester Noir-Tradition: gewalttätig, düster, vertrackt und mit einer Femme fatale im Hintergrund, die dem Helden eine Menge Ärger einbrockt.

Auf der anderen Seite gehört Reindeer Games zu jener Sorte Film, in denen die Bösewichter endlos quasseln, obwohl sie eigentlich den Helden erschießen wollen, was diesem den rettenden Spruch ermöglicht. Bei James Bond akzeptiert man das gerade noch, wobei die Bond-Gegenspieler im Vergleich zu den Heavies in Wild Christmas geradezu maulfaul sind. Und wenn sie sich nicht darüber unterhalten, dass sie Rudy Duncan (Ben Affleck) gleich umlegen werden, reden sie über ihren Plan, ein Casino zu überfallen. Dabei soll ihnen Rudy helfen, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Vor dem Gefängnistor hatte er sich nämlich kurzerhand für seinen toten Zellengenossen Nick ausgegeben, um mit dessen Brieffreundin Ashley (Charlize Theron) anzubandeln. Nach einer heißen Nacht bereut Rudy jedoch sein Identitätenspiel, denn plötzlich steht Ashleys cholerischer Bruder Gabriel in der Tür und verpasst Rudy alias Nick eine deftige Abreibung. Gabriel, der von Ashley erfahren hat, dass Nick früher als Wachmann in einem Casino in Michigan gearbeitet hat, will sich dessen Insiderwissen zunutze machen, um den Laden auszurauben. Natürlich hat Rudy keinen Schimmer von den Sicherheitsvorkehrungen in besagtem Casino, die Crux ist nur: Wenn er seine wahre Identität preisgibt, legt Gabriel ihn als nutzlosen Mitwisser um.

Also heißt es für den harmlosen Autodieb das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen. Dass der Coup nicht ganz nach Plan verläuft, ist abzusehen, und wird gleich zu Beginn des Films gezeigt, da Frankenheimer die Geschichte rückblickend erzählt - die Chronologie eines Scheiterns, auch das ein beliebtes Motiv altmodischer Genre-Filme.

Das klingt nun alles nach einer angenehm simplen Thriller-Story, erzählt von einem Altmeister, einem professional. Tatsächlich aber liegt das größte Problem von Reindeer Games in der Geschichte, die nicht von fatalistischer Zwangsläufigkeit vorangetrieben, sondern von einer äußerst wackeligen Konstruktion zusammengehalten wird. Wie man sich durch offensives Ignorieren jeder Logik kritischen Storyfragen entzieht, macht Charlie's Angels gerade eindrucksvoll vor. Reindeer Games aber will absolut plausibel sein, ja sogar "clever", setzt dabei jedoch ständig auf Zufälle.

Wenn der Film dennoch als spannendes Action-Kino funktioniert, ist das dem handwerklichen Können John Frankenheimers und seiner Mitarbeiter zu verdanken. Frankenheimer lässt die Zügel keinen Moment locker und schafft - unterstützt von dem exzellenten Kameramann Alan Caso - eine beklemmende, latent gewalttätige Atmosphäre der Paranoia und Ausweglosigkeit. Das verschneite, trostlose Michigan bildet den idealen Hintergrund für diese unterkühlte Männerwelt, die fast völlig in Schwarzweiß gehalten ist, nur manchmal mischt sich Rot in die monochromen Bilder: in Form von Blut und Kostümen von Weihnachtsmännern.

Auch die Idee mit dem möchtegern-mondänen Casino in der verschneiten amerikanischen Provinz wirkt sehr originell, und es ist ein schöner Gag, dass der weltgewandte, braungebrannte Mafiosi-Darsteller Dennis Farina (Get Shorty) den Manager spielt (und wie so oft wird Farina auch diesmal ziemlich übel zugerichtet). Überhaupt hat die Besetzung Klasse: der unglaublich durchtrainierte, langhaarige Gary Sinise und seine illustre Multikulti-Gang, zu der unter anderem Danny Trejo (Heat) und Clarence Williams III. (52 Pick-Up) gehören, wirken zunächst wie knallharte Killer, entpuppen sich aber immer mehr als großspurige Amateure. Charlize Theron lässt einen lange im Unklaren, ob sie nun dämlich oder durchtrieben ist, und Ben Affleck erinnert manchmal sogar an den jungen Burt Lancaster, mit dem John Frankenheimer fünf Filme gedreht hat. Gleichwohl strahlte Lancaster meist eine grimmige Gewaltfähigkeit aus, die Affleck fehlt - er versucht zu oft, jungenhaft-witzig zu sein.

Im Vergleich mit den meiste aktuellen Actionfilmen lässt sich Reindeer Games mit seinen Trash-Qualitäten durchaus genießen, nur hätte man von John Frankenheimer mehr erwartet. Er sollte mit seinem klassischen, im besten Sinne altmodischen Können als Geschichtenerzähler nicht zweitklassige Drehbücher retten.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns