Kritik zu The Wild Boys

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Bertrand Mandicos Spielfilmdebüt variiert die Konstellation von William Goldings »Herr der Fliegen« mit Rückgriffen auf die von Kenneth Anger und Jack Smith geprägten Avantgardefilmtraditionen der 60er Jahre

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Ein weißblonder Junge, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt, taumelt über einen im Mondlicht glitzernden Strand. Schließlich bricht er zusammen, entkräftet, verwirrt, seinem Schicksal überlassen. Und das erscheint sogleich in Gestalt einiger Matrosen. Sie umringen den Gestrandeten und fallen, statt ihm zu helfen, über ihn her. Dieser Gewaltakt wirft einen gleich zu Beginn von Bertrand Mandicos Spielfilmdebüt in eine Welt hinein, die weitgehend von dunklen Begierden bestimmt wird. Der junge Mann am Strand ist nicht nur Opfer. Seine in einer großen Rückblende erzählte Geschichte strotzt geradezu vor Übergriffen, Lügen und Mord. Aus poetischen Schwarz-Weißbildern, die von kurzen farbigen Einsprengseln akzentuiert werden, erschafft Mandico ein Porträt der menschlichen Natur, das einen immer wieder verzaubert und zugleich verstört. Das Dunkle, Schwarze, ist allgegenwärtig, und doch erfüllt »The Wild Boys« eine brennende Sehnsucht nach Veränderung und einer anderen Welt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlieren fünf brillante Internatsschüler auf der Insel Réunion während eines schwarzmagischen Sexrituals die Kontrolle über sich und die Geister, die sie riefen. Am Ende ist ihre Literaturlehrerin und Mentorin tot, und sie landen vor Gericht, wo sie alle Verantwortung auf ihr Opfer abwälzen und sich selbst als unschuldige Verführte inszenieren. So werden sie, die zuvor schon mehrfach wegen Gotteslästerungen und Gewalttätigkeiten auffällig geworden sind, aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Aber die Angst vor weiteren Exzessen und Skandalen veranlasst ihre reichen Eltern, die fünf einem zwielichtigen Kapitän (Sam Louwyck) zu übergeben, der verspricht, sie innerhalb einiger Monate in friedliche, perfekt funktionierende Stützen der Gesellschaft zu verwandeln. Um das zu erreichen, greift er zu drastischen Methoden. Auf seinem Schiff legt er den Jünglingen Halsfesseln an und zwingt sie wie Sklaven zur Arbeit. Erst als sie auf einer einsamen Insel ankommen, dürfen sie sich wieder etwas freier bewegen.

Ein unerschütterlicher, in seiner Heftigkeit überraschender Glaube an die magischen Kräfte des Kinos offenbart sich in jeder Einstellung von »The Wild Boys«. Allerdings ist die Magie, die Bertrand Mandico heraufbeschwört, eine höchst beunruhigende Kraft, die einen an den Rand der Vernunft führt. Kenneth Angers auf Zelluloid gebannte Magic-Rituale schwingen in Mandicos Vision ebenso mit wie Erinnerungen an Jack Smiths queere Experimentfilme. Die »Wild Boys«, die auf der einsamen Insel eine wundersame Verwandlung durchmachen, könnten zwar Brüder der verwildernden Jungen aus William Goldings »Herr der Fliegen« sein. Aber anders als der britische Schriftsteller und Nobelpreisträger will Bertrand Mandico nicht vor der zu Gewalt neigenden Seite des Menschen warnen. Und so erweisen sich die fünf Delinquenten ebenso wie Séverine, die von Elina Löwensohn flamboyant verkörperte Herrscherin der Insel, als »Flaming Creatures«, die nicht mehr an die Kategorien der sogenannten Normalität gebunden sind.

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