Kritik zu Vive la France

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Nach der Devise »Frankreich ist toll, wären da nicht diese Franzosen« unternehmen zwei hinterasiatische ­Terroristen in dieser Tragikomödie eine ­turbulente Odyssee zum Eiffelturm

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Wen kümmert’s, wenn »hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen«, lässt Goethe seinen Spießbürger in »Faust« räsonnieren. In dieser Komödie, die im fiktiven Taboulistan irgendwo hinter Afghanistan beginnt, schlagen nicht Völker aufeinander, sondern Männer schlagen Frauen, was zum Running Gag gerinnt. So viel nonchalant geohrfeigte Frauen waren wohl noch nie in einer Komödie zu sehen. Es steckt eine Menge Aggressivität in diesem turbulenten Schwank, und dennoch tut er zu selten richtig weh.
 
Es sei denn, man findet die 9/11-Parodie geschmacklos: Zwei Selbstmordattentäter wollen mittels eines gekaperten Flugzeugs den Eiffelturm sprengen. Regisseur und Darsteller Michaël Youn (Kochen ist Chefsache) lässt dem islamistischen Gespenst listig die Luft raus. Statt des Dschihads dient eine narzisstische Kränkung als Tatmotiv, was eigentlich dasselbe ist. Weil niemand das Land Taboulistan, in dem der Taboulé-Salat erfunden wurde, kennt, beschließt der örtliche Despot einen Terroranschlag und rekrutiert zwei Ziegenhirten. Doch die Verheißung von 70 Jungfrauen als Märtyrerlohn zieht nicht. Erst ein geschenkter Elektrorasierer setzt die beiden Tollpatsche, in denen viel mehr Borat als Bin Laden steckt, in Bewegung. Als sie im Begriff sind, mittels Gabeln das Flugzeug zu entführen, proben die Fluggäste wegen einer angekündigten Verspätung den Aufstand, und der Flieger landet auf Korsika. Auf der Odyssee des vermeintlichen Flüchtlingsduos in Richtung Paris geht nicht nur eine Niere verloren, sondern auch der Glaube an ihre Mission. Eine beherzte Journalistin mit dem symbolträchtigen Namen Marianne wird zur Reiseführerin durch das seltsame Land.
 
Inspiriert wurde Youn durch die wahre Geschichte zweier Al-Qaida-Attentäter, die statt am Anschlagsziel Mailand in Neapel strandeten und von der Camorra aufs Kreuz gelegt wurden – eine wunderbare Pointe. Der Humor dieser farcesken Komödie aber funktioniert nach dem Prinzip einer Schrotflinte, deren Kugeln in alle Richtungen spritzen und wenig treffsicher sind. Mal erscheint der Trip rund um den Nationalfeiertag des 14. Juli als eine auf die »Essentials« heruntergedampfte staatsbürgerliche Lektion: Frankreich als Land der Freiheit, in dem der König geköpft wurde und Frauen nicht geschlagen werden dürfen. Zugleich wird der französische Mythos durch das landestypische »Je m’enfoutisme« permanent in die Tonne getreten. Außerhalb der privaten Sphäre, in der man mit Wein, Weib und Gesang das Paradies auf Erden feiert und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt, werden die Franzosen als Betrüger, streiksüchtige Stänkerer und pampige Schnösel vorgeführt. Statt eines Culture Clashs scheint der Antrieb dieser mal nostalgieseligen, mal überraschend zynischen Tour de France insgeheim eine versteckte Identitätskrise zu sein.

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