Kritik zu Unter Bauern – Retter in der Nacht

© 3L Filmverleih

2009
Original-Titel: 
Unter Bauern – Retter in der Nacht
Filmstart in Deutschland: 
08.10.2009
L: 
100 Min
FSK: 
12

Vergangenheitsbewältigung unspektakulär: couragierte westfälische Bauern bewahren eine jüdische Familie vor der Deportation

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Was Steven Spielberg mit »Schindlers Liste« spektakulär demonstrierte, dass es auch »gute Deutsche« gab, zeigt der holländische Filmemacher Ludi Boeken in seiner Verfilmung von Marga Spiegels autobiografischem Erinnerungsbuch, das 1965 unter dem Titel »Retter in der Nacht« erschien, auf vergleichsweise unspektakuläre Weise, mit redlich-routinierter Geste. Bei Spielberg war es der Unternehmer Schindler, der zahlreiche Juden vor dem Vernichtungslager rettete, hier sind die Retter westfälische Bauern, die einer jüdischen Familie zwischen 1943 und 1945 Unterschlupf gewähren und sie so vor der Deportation bewahren.

Schade, dass Ludi Boeken nur einzelne Charaktere und wenige atmosphärische Schilderungen mit markanter Überzeugungskraft ausstatten kann. Über viele Aspekte der Geschichte geht er mit skizzenhaften Andeutungen hinweg. Am überzeugendsten bleibt die Figur des Bauern Heinrich Aschoff (Martin Horn). Es tut ihr gut, dass sie in keinem Moment heldenhaft aufgespreizt wird. Dieser westfälische Bauer verkörpert Widerstand schon in seiner kantigen Erscheinung. Aus seiner traditionell christlichen Prägung und aus bäuerlicher Eigenwilligkeit schöpft er eine Haltung, die ihn wie selbstverständlich gegen die Nazi-Ideologie immun macht. Er fackelt nicht lange, wenn es gilt, der Ehefrau und Tochter des befreundeten jüdischen Pferdehändlers Siegmund »Menne« Spiegel Unterschlupf zu bieten.

Die Erzählung beginnt mit einer Rückblende: Szenen aus dem Ersten Weltkrieg. Damals kämpfte Menne Spiegel als deutscher Soldat fürs Vaterland, rettete durch seinen mutigen Einsatz einigen Kameraden das Leben und wurde dafür mit dem Eisernen Kreuz dekoriert. 25 Jahre später müssen die ehemaligen Kriegskameraden ihn retten.

Eigentlich hält die Geschichte viele spannende, zum Teil auch tragikomische Facetten bereit. Da ist der Kontrast zwischen der eleganten, gebildeten Städterin Marga Spiegel (Veronica Ferres konturiert diese Figur mit sympathischer Zurückhaltung und Präzision) und dem Alltag auf Aschoffs Bauernhof, in den sich Marga mit ihrer Tochter einfügen muss. Da ist die Verzweiflung von Menne Spiegel (bewegend: Armin Rohde), der beim Nachbarbauern Pentrup (Veit Stübner) in einer Dachkammer versteckt wird und mit der klaustrophobischen Situation nur schwer zurechtkommt. Er unternimmt einige Ausflüge, die alle in höchste Gefahr bringen.

Es gibt Aspekte der Geschichte, über die Ludi Boeken allzu hurtig hinweggeht, was besonders an einer Stelle bedauerlich wird: bei der Wandlung der 16-jährigen Aschoff-Tochter Anni (Lia Hoensbroech). Anni ist zu Beginn begeistertes BdM-Mädchen, wechselt aber die Fronten, als sie Margas Schicksal näher kennenlernt. Eine innerliche Wandlung, die als facettenreicher Lernprozess und als charakterliche Reifung zum Zentrum der Geschichte hätte gemacht werden können, die der Film aber wie eine wundersame, plötzliche Erleuchtung bloß behauptet.

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