Kritik zu Teenage Angst

© Salzgeber

Wer sich bei »Harry Potter« gedacht hat, so ein Schlossinternat wäre doch eine prima Sache, wird hier eines anderen belehrt. Thomas Stuber entwirft in seinem ersten Spielfilm eher düstere Bilder aus einer Lehranstalt für Oberschichtkinder

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Von Erich Kästners »Fliegendem Klassenzimmer«, das bereits dreimal verfilmt wurde, über Volker Schlöndorffs »Törless« bis zu Peter Weirs »Club der toten Dichter«, nicht zu reden von ungezählten Serienkrimis: Die Welt des Internats, zumal eines für die Reichen und Schönen, ist ein filmisch verbreitetes Sujet. Auch Thomas Stubers Abschlussfilm an der Fimakademie Baden-Württemberg bedient sich dieser dramaturgisch ergiebigen Kulisse.

»Teenage Angst« spielt in einem Schlossinternat, in dem man es mit der Disziplin der verwöhnten Oberschichtkinder nicht so genau nimmt, wie es ein ehemaliger Salem-Direktor jüngst forderte. Vier Schüler nutzen diese Freiräume und richten sich eine Datscha am See als sturmfreie Bude ein, wo sich ihre pubertären Spielchen alsbald zu Gewaltorgien steigern. Geschickt fächert der Film zu Beginn das Spektrum der – durchweg gut besetzten – Charaktere auf. Kopf ist der zynische Dyrbusch (Niklas Kohrt), der in seinem Credo den Prinzipien von Moral und Gewissen abschwört. Das Denken seines sadistischen Adlatus Bogatsch (Michael Ginsburg) bewegt sich zwischen den Polen »Muschis und Moneten«. Der zarte Adlige von Leibnitz (Janusz Kocaj) zieht ängstlich mit, um nicht als Außenseiter dazustehen, und wird dennoch Opfer der beiden. Stürmer schließlich, die Hauptfigur (Franz Dinda), steht der zunehmenden Gewalttätigkeit angewidert gegenüber, schreitet aber auch nicht ein, als Leibnitz von den beiden anderen vergewaltigt und später beinahe ertränkt wird . . .

Regisseur Stuber hat ein Gespür für Bilder von dramatischer Schönheit: Geheimnisvoll steigt der Nebel aus den Wäldern rund um den See, in dessen Wellen sich das Schloss malerisch spiegelt. Düstere Farben verbreiten in den gotischen Hallen wie in der Datscha eine klaustrophobische, bedrohliche Atmosphäre, in der Sauf- und Koksgelage eine immer aggressiver werdende Gewaltdynamik in Gang setzen. Stuber gelingen dabei bedrängende Tableaux, die vereinzelt an Szenen aus dem »Club der toten Dichter« (1989) und an Michael Hanekes mörderische »Funny Games« (1997, 2007) erinnern. Diesen Spannungsbogen kann der Film in seiner zweiten Hälfte aber nicht ganz durchhalten, wenn er den Schüler Stürmer mit seinen Gewissenskonflikten zunehmend in den Mittelpunkt der Handlung rückt.

Es geht zulasten der Glaubwürdigkeit, dass Stuber sein Augenmerk nahezu ausschließlich auf die gruppeninternen Beziehungen richtet und den schulischen Kontext als bloße Kulisse betrachtet, die Geschichte also fast in einem sozialen Vakuum ablaufen lässt, in dem Außenstehende kaum eine Rolle spielen. Der Mentor (Michael Schweighöfer) etwa, dem sich Stürmer vergeblich anzuvertrauen sucht, ist schablonenhaft als Abziehbild eines Achtundsechzigers angelegt, dem das Drehbuch (Holger Jäckle) vorwiegend Binsenweisheiten in den Mund legt (»Drogen sind keine Lösung!«). Immerhin darf der überforderte Pädagoge dabei helfen, die auf der Stelle tretende Geschichte etwas unvermittelt zu Ende zu bringen: als Opfer nämlich.

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