Kritik zu Sinn und Sinnlichkeit
Georgia Oakley rückt in ihrer sinnlich-rauen Neuverfilmung von Jane Austens Klassiker die Liebe zwischen den Dashwood-Schwestern ins Zentrum – emotional komplex und überraschend frisch.
Ganz aus der Mode kommen sie nie, doch in diesem Jahr sind die britischen Literaturklassiker des 19. Jahrhunderts präsent wie nie. Sei es als poppiges Kinospektakel wie Emerald Fennells »Wuthering Heights«-Adaption oder als Netflix-Serie, wie die im Dezember startende Neufassung von »Stolz und Vorurteil«. Und dazwischen liefert nun die britische Regisseurin Georgia Oakley auch noch ihre Version von Jane Austens »Sinn und Sinnlichkeit« ab.
Vermutlich müssen über den Plot gar nicht allzu viele Worte verloren werden. Nach dem Tod ihres Mannes müssen Mrs. Dashwood (Caitríona Balfe) und ihre drei Töchter Elinor (Daisy Edgar-Jones), Marianne (Esmé Creed-Miles) und Margaret sehen, wo sie bleiben. Auf Betreiben seiner Ehefrau verweigert der Halbbruder der jungen Frauen ihnen die finanzielle Unterstützung, auch das herrschaftliche Familienanwesen Norland Park müssen die Dashwoods verlassen. Zuvor macht Elinor allerdings die Bekanntschaft von Edward Ferrars (George MacKay) , dem Schwager der neuen Hausherrin. Doch die frisch für den jungen Mann entflammten Gefühle muss sie für sich behalten, nicht zuletzt dank der neu verschobenen Klassenunterschiede zwischen ihnen.
Nach dem Umzug der Familie von Sussex ins kleine Barton Cottage in Devonshire geht Marianne ganz anders vor, als sie ihr Herz an den charismatischen John Willoughby (Frank Dillane) verliert, der sie buchstäblich auf Händen trägt, nachdem sie sich bei einem Sturz den Knöchel verstaucht hat. Doch aller Leidenschaft zum Trotz verschwindet Willoughby schließlich ohne vorherigen Antrag nach London und lässt auch die mittlere Dashwood-Schwester mit gebrochenem Herzen zurück. Gemeinsam reisen Elinor und Marianne, deren enge Bande ob des unterschiedlichen Umgangs mit ihren Emotionen durchaus auf die Probe gestellt wird, schließlich in die Hauptstadt, um Klarheit zu gewinnen, was die Liebe wie auch ihre Zukunftsaussichten angeht.
Sie habe eigentlich nicht vorgehabt, nach ihrem gefeierten Debütfilm »Blue Jean« als Nächstes eine prestigeträchtige Studioproduktion zu übernehmen, berichtet Georgia Oakley im Interview. Doch dem Angebot, als Austen-Fan einen neuen Blick auf »Sinn und Sinnlichkeit« zu werfen, konnte sie nicht widerstehen. Was auch am Drehbuch von Diana Reid lag, die sich – genau wie ihre Regisseurin – weder von der Vorlage einschüchtern lässt noch von der preisgekrönten Verfilmung durch Ang Lee von 1995.
Wo Emma Thompson als Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin damals den ironischen Witz in Austens Roman hervorhob, setzen Oakley und Reid andere Schwerpunkte. Die romantischen Befindlichkeiten der Dashwood-Schwestern und damit auch die männlichen Figuren treten ein wenig in den Hintergrund, stattdessen wird noch stärker die intensive Liebe der – im Vergleich zu Lees Film altersmäßig sehr viel näher beieinanderliegenden – Schwestern betont. Als Herz und komplexeste Paardynamik der Geschichte schreibt Oakley die Beziehung von Elinor und Marianne und fügt hinzu: »Die Handlung folgt einem klassischen RomCom-Bogen. Nur dass die beiden Figuren, die sich ineinander verlieben, dann getrennt werden und schließlich wieder zusammenfinden, eben die Schwestern sind.«
Auch visuell werden in dieser Version andere Wege beschritten, irgendwo zwischen Tradition und Wahrhaftigkeit. Oakley zeigt ein Regency-England, in dem es zugig durch die mühsam am Laufen gehaltenen Häuser pfeift und man in jeder Ecke die klamme Kälte zu spüren glaubt. Und während die Kleider aussehen, als wären sie schon manche Saison getragen worden, werden die von Kameramann Arnaud Potier wundervoll eingefangenen englischen Landschaften bevölkert von Tieren aller Art, von Hirschen und Hunden bis hin zu Vögeln und Raupen. Dass Oakley eher von Kolleginnen wie Andrea Arnold als von Merchant-Ivory inspiriert ist, ist nicht zu übersehen. Und das Ergebnis ist mehr als sehenswert: So handwerklich exquisit und schauspielerisch durch die Bank überzeugend, emotional komplex und dennoch frisch statt altbacken war lange keine Austen-Adaption mehr.





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