Kritik zu Shotgun Stories

Trailer englisch © Liberation Entertainment

Ein Film, der nicht viele Worte macht, aber Bilder zum Niederknien: Jeff Nichols erzählt in seinem Regiedebüt von einer Patchworkfamilie in Arkansas

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Das ist der amerikanische Süden, wie man ihn sich vorstellt. Eine weite staubige Landschaft, flirrende Hitze, dabei spießige Enge zwischen Rathaus und Kirche und eine Bevölkerung, die hart arbeiten muss, um sich zu ernähren. Und hinter der rot-weiß-blauen Wohlanständigkeit lauern individuelle Abgründe. Es ist eine Stadt wie Little Rock, Arkansas, in der Regisseur Jeff Nichols aufwuchs, und der er mit »Shotgun Stories« eine kluge, wenn auch ernüchternde Referenz erweist.

Mit dem Tod des alten Cleaman Hayes brechen latente Feindschaften innerhalb einer zerrissenen Familie auf. Hayes hatte zwei Frauen, drei Söhne mit der ersten und vier mit der zweiten. Dazwischen lag eine Läuterung, aus der der brutale Trinker als gläubiger Mensch hervorging. Hatte er seine erste Frau verprügelt, den Söhnen Son, Kid und Boy nicht mal vernünftige Namen gegeben, so war er ein treusorgender Gatte für die zweite Frau, ein respektierter Farmer und liebevoller Vater für Cleaman, Mark, Stephan und John. Als Son Hayes bei der Beerdigung des Vaters nur wenige, dafür aber eindeutig hasserfüllte Worte spricht und auf den Sarg spuckt, denken die vier Söhne aus zweiter Ehe nur noch an Rache. Es beginnt ein Kreislauf der Gewalt.

Jeff Nichols nun macht aus dieser Konstellation, die sich als große Rachephantasie mit Shootout zwischen einsamen Scheunen anbieten würde, eine implodierende Geschichte. Mit Zunahme der Opfer werden die Bilder immer nüchterner, die Dialoge karger. Der letzte große Schlag endet in einem stummen Schwarzbild. Und er zeigt auch, wie einfach es sein kann, aus der Gewaltspirale auszubrechen, indem man einfach einen geraden, direkten Weg geht. Das muss nicht zu Freundschaft und Erleuchtung führen – es genügt ein distanziert tolerierendes Miteinander.

Nichols' Bilder erinnern an die Filme von David Gordon Green, der für »Shotgun Stories« als Produzent verantwortlich zeichnet, aber auch an Terrence Malicks »Days of Heaven« – in seiner wortlosen, betörenden Art, Geschichten lediglich als Effekt zu erzählen. Sons Rücken ist von kleinen Narben übersät – er wurde von einer Schrotflinte getroffen, als er seine Brüder beschützen wollte. Mehr erfährt man nicht und doch beschäftigen diese Narben den halben Film. Die Ziellosigkeit der Brüder, zwischen Familie, Arbeit und einer Zukunft, die keine Chance auf Veränderung bietet, lässt sich auf die Mutter zurückführen, eine hasserfüllten Frau, die im Film nur wenige Sätze sagt. »Euer Vater ist gestorben. Wann er beerdigt wird steht in der Zeitung.«

Das großen Cinemascope Format auf der einen und die sparsamen Dialoge auf der anderen Seite – in diesem Spannungsfeld entfaltet Nichols sein erstaunliches Debüt. Und da er die Musik größtenteils selbst geschrieben hat, passt sie zu der drückenden Atmosphäre der Bilder, die schwer auf den Charakteren zu lasten scheinen – obwohl sie noch die Erinnerung an ewige Weite und unbegrenzte Freiheit evozieren. »Shotgun Stories« ist eine Lucky Old Sun Produktion und wird von Up-load Film präsentiert. Das ist die Ebene des Humors in diesem Film.

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