Kritik zu Searching

© Sony Pictures

Ein Vater lernt seine Tochter erst richtig kennen, als er ihre Spur im Internet und den sozialen Medien verfolgen muss. Regisseur Aneesh Chaganty schöpft die Möglichkeiten des Desktop-Films aus

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Früher war es eine mühselige Puzzlearbeit, das Leben eines Menschen oder gar einer ganzen Familie zu rekonstruieren. Fotoalben und Kästen voller Dias boten erste visuelle Hinweise. Briefe, Tagebucheinträge und verstreute Notizen konnten das Bild vervollständigen, das sich dann vielleicht noch durch kurze Super-8-Filme oder Videokassetten mit Home Movies abrunden ließ. Aber immer blieben auch große und kleinere Lücken. Das Puzzle ließ sich nicht einmal ansatzweise vervollständigen. Das hat sich mittlerweile geändert. Alle Leerstellen kann man auch heute noch nicht schließen. Aber sie beeinträchtigen das Gesamtbild kaum mehr. ­Dafür haben Computer und Smartphones, ­Tablets und das Internet gesorgt. Nicht nur die ­Erinnerungen haben sich ins Digitale ausgelagert. Das ­Leben selbst findet nun parallel in der realen und der digitalen Welt statt. Diese Dopplung, die auch eine Verschiebung ist, macht sich der Drehbuchautor und Regisseur Aneesh Chaganty in seinem Spielfilmdebüt äußerst geschickt zunutze.

Schon der Titel »Searching« ist doppeldeutig. Zum einen verweist er auf die ganz reale Suche nach der verschwundenen Schülerin Margot (Michelle La), die neben der Polizei im kalifornischen San José auch die nationalen Medien und mit ihnen die Internetgemeinde in Atem hält. Zum anderen spielt er aber gezielt auf unsere digitale Existenz an.

Nachdem er eines Abends mehrere Anrufe seiner Tochter verpasst hat, fandet Margots Vater David (John Cho) erst einmal mittels Suchmaschinen und sozialer Medien nach dem Mädchen. Der Computer führt ihn nach und nach in Margots Welt, die letztlich ganz anders aussieht, als er es sich immer gedacht hat. Das Publikum blickt dabei unentwegt auf Desktop-Oberflächen, auf denen neben Skype-Chats, Instagram-Bildern und der Facebook-Timeline auch digitale Kalender und YouTube-Kanäle sichtbar werden.

Wie Leo Gabriadzes Horrorfilm ­»Un­known User« gehört auch Chagantys Thriller zu dem noch recht neuen Genre des Desktop-Films, der seine Bilder ausschließlich auf den Screens der allgegenwärtigen Computer, Tablets und Smartphones findet. Sie erzählen somit nicht nur eine Geschichte, sondern reflektieren automatisch die Bedeutung der digitalen Medien in unser aller Leben. Trotzdem bleibt die Gefahr, das diese Beschränkung auf Computerbilder zu einem formalen Korsett wird, das letzten Endes den Erzählfluss ebenso wie die Figurenzeichnung sabotiert. Schließlich muss der Filmemacher fortwährend Umwege gehen, um Situationen zu erschaffen, in denen der Blick auf den Monitor den auf den Menschen ersetzt. Aber genau dieser Transfer gelingt Aneesh Chaganty auf spektakuläre Weise.

Schon mit den ersten Bildern, Fotos und Videos, die Margots Leben von ihrer Geburt an dokumentieren und zugleich von der tödlichen Krebserkrankung ihrer Mutter Pamela Nam Kim (Sara Sohn) erzählen, etabliert Chaganty ein emotionales Band zwischen dem Betrachter und der Familie Kim. Pamelas Kampf mit dem Krebs und ihr tragischer Tod treffen einen sofort ins Herz, weil man die Bilder des Schmerzes wie auch der Freude, als sie die Krankheit scheinbar besiegt hat, sofort wiedererkennt. Zugleich verrät diese Montage von Erinnerungsstücken und -videos aber auch sehr viel über die Art, in der Erinnerungen durch Selektion manipuliert werden. Trotz der Tragödie, die David und Margot erlebt haben, kreieren die Videos und Bilder die Illusion einer heilen Familie. Und eben diese Illusion hat Margot mit ihrem Verhalten David gegenüber aufrechterhalten. Erst nach ihrem Verschwinden werden die Risse im schönen Schein sichtbar. Dabei waren sie immer schon da, allerdings nur in Margots digitalem Leben.

»Searching« zeugt von einer faszinierenden Form von Schizophrenie. Es heißt zwar immer, dass unsere Netz-Avatare Fantasien wären. Aber es kann eben auch umgekehrt sein. Ihr wahres Ich offenbart Margot nur in Chats und Social-Media-Postings. So führt David die Suche nach dem verschwundenen Mädchen in doppelter Hinsicht zu seiner Tochter. Er lernt sie erst durch das Netz wirklich kennen. Eine bemerkenswerte Volte, der Chaganty allerdings viel von ihrer Wirkung nimmt. Auf die Entwicklung der Handlung hat er längst nicht so viel Sorgfalt verwandt wie auf die Zeichnung seiner Figuren. Gerade im letzten Drittel entwickelt sich »Searching« aufgrund zahlreicher haarsträubender Wendungen zu einem klischeehaften Krimi, der schließlich mehr als nur seine Glaubwürdigkeit preisgibt.

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