Kritik zu Schlaf

© Salzgeber

Horror und die Motive des deutschen Heimatfilms ergeben im Spielfilmdebüt von Michael Venus erschreckend viel Sinn zusammen

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Eine dunkle Schauermär aus der deutschen Twilight Zone, also aus einem Reich zwischen nationalsozialistischer Vergangenheit und nationalistischer Zukunft, zwischen Wirklichkeit und Nachtmahr, wobei das eine sich immer weniger vom anderen trennen lässt. Vor allem für Marlene gibt es längst keinen Unterschied mehr zwischen ihren wiederkehrenden Alpträumen und ihrem wachen Leben. Sobald sie einschläft, verfolgen sie die immer gleichen Bilder von einem Hotel, von drei Selbstmorden und von einem ihr unbekannten Mann. Als sie in einer Annonce das Gebäude aus ihren Träumen zu erkennen glaubt, reist sie kurz entschlossen in den Harz, in die kleine Gemeinde Stainbach. Deren einzige Attraktion ist das in der Anzeige beworbene Hotel Sonnenhügel. Doch kaum ist sie in der großflächigen, aber nahezu leer stehenden Anlage angekommen, verfällt sie in einen Stupor und wird in ein Krankenhaus gebracht.

Motive aus Filmen wie »Shining« und Serien wie »Twin Peaks« vermischen sich in Michael Venus' Spielfilmdebüt »Schlaf« mit klassischen Topoi aus der deutschen Märchen- und Sagenwelt. Der Wald, der den Sonnenhügel, diese urdeutsche Version des Overlook-Hotels, umgibt, beschwört neben Erinnerungen an Grimm'sche Märchen und schwarzromantische Schrecken aber noch eine weitere Tradition herauf, die deutsche »Blut und Boden«-Ideologie. Wenn der von August Schmölzer als visionärer Biedermann verkörperte Otto, der Besitzer des Sonnenhügel, von seinem Spaziergang im Wald schwärmt, schwingen in seinen schwülstigen Beschreibungen die Ideen der »Neuen Rechten« und ihrer parlamentarischen Vertreter fast überdeutlich mit. Es überrascht also nicht, dass er schließlich in einer von rechtsextremen und rassistischen Schlagwörtern nur so strotzenden Rede vor der versammelten Dorfgemeinschaft seine Kandidatur als Bürgermeister bekannt gibt.

So sind es zwei höchst unterschiedliche Arten von Gespenstern, von denen Michael Venus in »Schlaf« erzählt. Das eine sucht zunächst Marlene, der Sandra Hüller selbst in den Momenten äußerster Erstarrung und Verkrampfung eine ungeheure Präsenz verleiht, und dann deren von Gro Swantje Kohlhof gespielte Tochter Mona heim. Diese Frau mit blonden Haaren und dem roten Kleid stammt augenscheinlich aus der Welt der Sagen und (Horror-)Mythen. Allerdings sucht sie nicht nur nach Opfern; sie ist selbst ein Opfer.

Die anderen Gespenster, die Michael Venus' Heimathorror bevölkern, sind dagegen weitaus realer. Es ist der untote Geist der nationalsozialistischen Ideologie, der in Stainbach eben nicht nur in Form einer Fabrikruine präsent ist, in der während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiterinnen aus Polen Sprengstoff herstellen mussten. Er lebt weiter in den Köpfen vermeintlich aufrechter Bürger, die im deutschen Wald die Kraft suchen, das zu retten, was sie für das deutsche Wesen halten. Und letztlich sind es natürlich diese alltäglichen Wiedergänger, vor denen es einem weitaus mehr graust als vor dem bleichen Gespenst.

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