Kritik zu Rosemari

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Ein Mädchen sucht nach seiner Mutter, 16 Jahre nachdem sie als Säugling ausgesetzt wurde: Die norwegische Regisseurin Sara Johnson stellt in ihrem Film die Widersprüchlichkeit von Biografien und Gefühlen heraus

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»Gezeugt bei einem Pornodreh! Geboren auf der Toilette!« Bitter beschwert sich Rosemari bei Unn Tove über die Umstände ihres In-die-Welt-Eintretens. Unn Tove hatte das verlassene Neugeborene damals auf eben jener Toilette gefunden. Auf ihrer Hochzeitsfeier in einem Hotel war das gewesen und sie war gerade dabei, sich wieder präsentabel herzurichten, nachdem sie es eben noch mit ihrem Exfreund getrieben hatte. Dabei war dann auch noch der Ehering in den Abfluss gefallen. Keine guten Auspizien. Und 16 Jahre später steht dann mit einem Mal dieses merkwürdige Mädchen im Garten, das glaubt, in ihr seine Mutter gefunden zu haben. Unn Tove ist mittlerweile geschieden und hat gerade ihre zwei kleinen Töchter in einen Urlaub mit dem Exmann verabschiedet. Das gibt ihr die Gelegenheit, sich um Rosemari zu kümmern. Zudem lauert hier auch eine Story, die die abgeklärt wirkende Journalistin bei dem kleinen lokalen Fernsehsender, bei dem sie arbeitet, unterzubringen hofft. Also ziehen sie los, die Kamera im Anschlag, skeptisch beäugt von Rosemaris Pflegeeltern und Unn Toves Kollegin. Sie suchen Spuren, werden fündig, verfolgen die verschlungenen Wege zweier junger Leute, die wohl Rosemaris Eltern waren, die Drogenprobleme hatten und in Geldschwierigkeiten steckten. Ihre Suche führt sie vom norwegischen Kaff Hønefoss in die dänische Hauptstadt Kopenhagen, wo sie auf einen ehemaligen Pornoproduzenten treffen (von Tommy Kenter ganz und gar reizend dargestellt), der zögerlich und schüchtern eine Bombe platzen lässt. Es wird nicht die letzte gewesen sein.

Die norwegische Regisseurin Sara Johnsen hat »Rosemari« nach eigenem Drehbuch inszeniert. Dabei verlässt sie sich zur Gänze auf die intensiven, nicht leicht zu durchschauenden, mitunter widersprüchlichen Gefühle, die im Verlauf der auch nicht eben gradlinigen Handlung in den komplizierten Frauen wach, virulent und zur Antriebsfeder des Weiteren werden. Da ist zum einen Rosemaris Bemühen, die Deutungshoheit über ihre Existenz und die Entscheidungsgewalt über ihr weiteres Schicksal zu erlangen. Und da ist zum anderen die Erschütterung der eigenen eingefahrenen Lebensmuster und fest geglaubten Überzeugungen, die dieses Bemühen in Unn Tove auslöst. Es ist ein Tumult der Emotionen, der schließlich auch Rosemaris endlich gefundene Mutter umfangen wird. Einmal in Bewegung gesetzt, greift die existenzielle Verunsicherung um sich und entfaltet kathartische Wirkung. Dass der Film dann nicht ins Pathos abhebt, hat er dem wunderbaren Schauspielerensemble zu verdanken, aus dem wiederum Ruby Dagnall herausragt, die in der Rolle der Rosemari ihr Debüt gibt. Störrisch und verletzlich legt sie ihre Figur an und macht in ihrer Traurigkeit wie in ihrem Aufbäumen jene Wunde sichtbar, die das Nicht-gewollt-worden-Sein geschlagen hat und die Frage nach dem Warum. Dagnall darf, ja sie muss fliegen, während Tuva Novotny als Unn Tove für jene Erdung sorgt, die diesen Flug ermöglicht – sowie die Landung in einem etwas seltsamen Elternhaus. Aber wer bestimmt schon, was eine richtige Familie ist?

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