Kritik zu Poliezei

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Das Dokudrama über die Pariser Jugendschutzpolizei sieht nur auf den ersten Blick wie die Kopie einer Fernsehserie aus. Tatsächlich gelingt dem Film so etwas wie die Neuerfindung des Genres

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Hat der Papa nun am Popo gekratzt oder nicht? Die Frage wird auf dem Revier nicht nur einmal, sondern viele Male gestellt. Das kleine Mädchen, vier, fünf Jahre alt, sagt mal dies, mal das, zuletzt aber sagt sie: »Nein.« In der nächsten Szene sieht man einen Vater mit seinen beiden Töchtern zu Hause vergnügt auf dem Sofa sitzen, die beide auftrumpfen: »Wir sagen immer die Wahrheit!« Und dann ertönt, wie zum Hohn, ein Lied über das Glück der Kinder. Die vorangestellten Situationen – eine Art Prolog – sorgen gleich für Verwirrung. Ihre unfreiwillige Komik ist nicht respektlos, die Ambivalenzen irritieren. Hier soll es ja um die Wahrheitsfindung gehen, vor allem bei sexuellem Missbrauch, aber was ist die Wahrheit?

Da ist die Scham (am stärksten vielleicht bei der Mutter aus besseren Kreisen, die, schweren Herzens, den eigenen Mann anzeigt), auch die nicht immer vorgeschützte Unwissenheit bei Polygamie oder im Fall einer manuellen Befriedigung von Kleinkindern, was eine Mutter für selbstverständlich zu halten scheint. Da wird den Polizisten nicht nur einfühlsame oder auch drastische Verhörakrobatik abverlangt, sondern vor allem psychisches Durchhaltevermögen. Die Folgen fürs Privatleben: Polizist Fred traut sich seine süße kleine Tochter in der Badewanne nur noch mit Samthandschuhen anzufassen. Pervers.

Die Wirklichkeit war Vorbild für Polisse, der, so Regisseurin Maïwenn über ihren dritten Film, nur wahre Vorkommnisse verarbeitet hat. Warum der Titel in übersetzter kindlicher Schreibweise nun unbedingt Poliezei heißen muss, sei dahingestellt. Es geht um den knallharten Polizeialltag, mehr nicht. Eine Truppe von zehn Polizisten, zur Hälfte Frauen, zur Hälfte Männer, ist rund um die Uhr im Einsatz und nimmt die Zuschauer mit auf »die Reise«. Handkamera ist Ehrensache. Es ist ein permanenter Großeinsatz der Gefühle, wenn ein Fall den nächsten übertrumpft, bei Verhören auf dem Revier oder bei Außeneinsätzen. Bei der frühmorgendlichen Razzia in einem rumänischen Sinti-Lager werden alle Kinder abgeführt, um in ein Heim gesteckt zu werden. Im Bus entfalten die missbrauchten »Klein«-Kriminellen ihren ganzen kindlichen Charme bei Tanz und Gesang – und schon springt die Filmstimmung von bedeckt auf heiter. Das ist der Trick des Films. Er fügt nicht eine Episode an die andere, sondern betreibt eine ausgefuchste Höhepunktdramaturgie der Leidenschaften, die auch die Gefühle der Zuschauer rücksichtslos wie auf einer Achterbahn hin- und herschleudert. »Der Humor ist die einzige Waffe, die sie haben, um mit dem menschlichen Elend fertig zu werden.« (Maïwenn). Und es ist beinahe eine Komödie, denn der Unterhaltungsfaktor des Films ist gleichermaßen auf Spannung wie auf Vergnügen aus. Unvergessen der wunderbare Gruppenabend in der Bar, wo die Truppe, angeführt von Fred alias Joey Starr – in Frankreich ein bekannter Rapper – eine bühnenreife Tanzperformance hinlegt. In Short-cut-Manier wechseln sich Szenen aus dem Berufs- und dem Privatleben ab, wobei das Privatleben mit Scheidung, Essstörung, einsamen Herzen, unerfüllten Kinderwünschen und unglücklichem Verliebtsein nach Seifenopervorbild verläuft, aber einfach tiefer geht.

Polisse ist ein echter Ensemblefilm, das Ensemble ist sein Herz und sein Motor. Am Rand steht – zunächst – nur die Fotografin Melissa (Maïwenn selbst), die mit ihrer bürgerlichen Herkunft bei dieser Polizeitruppe eine unfreiwillige Sozialisation durchläuft und ausgerechnet mit Fred, dem wildesten von allen, anbändelt. Man spürt die absolute Hingabe ans Thema, den Drang, das ganze menschliche Elend zu sehen und zu verstehen, eine Leidenschaft, die den normalen Polizeifilm weit hinter sich lässt, die auch von den hohen Sprechgeschwindigkeiten profitiert, dem rasanten französischen Umgangston, auch vom unkontrollierten Durcheinander der Egos der Darsteller, die sich gegenseitig jedoch nicht im Weg stehen, sondern sich, wie bei einer Jamsession, nach ihrem Solo wieder ins Ensemble eingliedern. Mit seiner Parallelmontage am Schluss bestätigt Polisse noch einmal seine Fähigkeit, sich einfachen Lösungen zu verweigern und bei den Zufällen und bei der paradoxen Wirklichkeit zu bleiben. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

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