Kritik zu Paulette

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Warum nicht in den Drogenhandel einsteigen, wenn die Rente nicht reicht? Jérôme Enrico variiert in seinem Film das alte Thema der »unwürdigen Greisin« in ungewohnter Banlieu-Umgebung mit Bernadette Lafont in der Hauptrolle

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Nein, als eine sympathische Zeitgenossin kann man diese Paulette wohl kaum bezeichnen. Gleich in der ersten Filmszene beichtet die alte Dame ihrem Pfarrer, dass sieden neuen Betreibern ihres ehemaligen Restaurants Küchenschaben ins Essen getan habe. Dabei fallen Ausdrücke wie »Fidschis«, »Schlitzaugen« oder »Bimbo«. Letzteres gilt ihrem Schwiegersohn. Dass der Pfarrer ebenso schwarz ist wie dieser, heißt nicht, dass Paulette sich Zurückhaltung auferlegt. Auch beim Kampf um Lebensmittelreste ist sie nicht zimperlich: Die Konkurrentin, die es auf dasselbe Gemüsestück abgesehen hat wie sie, setzt sie kurzerhand mit Pfefferspray außer Gefecht.

Seit ihr Mann vor zehn Jahren gestorben ist, geht es abwärts mit Paulette, die 600-Euro- Rente reicht nicht zum Leben, nicht einmal in der trostlosen Hochhaussiedlung in den Banlieus. Die Einzigen, denen es hier gutgeht, scheinen die Drogendealer zu sein. Das bringt die durchaus geschäftstüchtige Rentnerin auf eine Idee – ausgerechnet vom ungeliebten Schwiegersohn (der nämlich bei der Polizei ist) verschafft sie sich einige nützliche Informationen und steigt in den Drogenhandel ein. Schnell erweist sich Paulette als geschickte Verkäuferin, die vertrauensbildend einen bürgerlichen Kundenkreis erschließt. Richtig aufblühen kann ihr Geschäft dann durch einen Zufall: Als nämlich ihr Enkel aus Rache für Paulettes Schikanen diverse Zutaten in die Teigmasse ihres Kuchens schüttet, ist darunter auch Haschisch, was Paulettes Freundinnen beim Kaffeeklatsch in übermütig kichernde Wesen verwandelt.

Von nun an verkauft Paulette »Afghanen- Kekse« und »Madeleines mit Kick«. Zuerst preist sie ihre Ware auf der Straße an, späterkommt ein ständig wachsender Besucherstrom in ihre Wohnung, wo mittlerweile auch die drei Freundinnen dabei helfen, die begehrten Backwaren herzustellen. Allzu märchenhaft wirkt das alles, und es braucht schon eine dramatische Zuspitzung, um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Die gibt es dann auch, aber ebenso ein augenzwinkerndes Happy End.

Regisseur Jérome Enrico, Sohn des Regisseurs Robert Enrico (Die Abenteurer), hat das Drehbuch zusammen mit drei seiner Studenten geschrieben. Bei aller Gefälligkeit wird das moralische Dilemma der Protagonistin durchaus realistisch umrissen. Dass Paulette sich erst im Lauf des Films zu einer Sympathieträgerin entwickelt, untergräbt diese Gefälligkeit glücklicherweise ein Stück. Andererseits hat Enrico diese Rolle mit Bernadette Lafont besetzt, einer der Ikonen der Nouvelle Vague, von Truffaut 1957 für seinen Kurzfilm Die Unverschämten entdeckt. Sie hat durch ihre Filmvergangenheit einen Sympathiebonus, den der Film für eine Ambivalenz nutzt. Als geschäftstüchtige Frau, die es versteht, ihre Ziele durchzusetzen, weist diese Figur durchaus verwandte Züge zu zwei von Lafonts populärsten Rollen auf, in Nelly Kaplans La fiancée du pirate (1969) und in Truffauts Ein schönes Mädchen wie ich (1972). Das macht Paulette auch zu einer schönen filmhistorischen Reminiszenz.

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