Kritik zu Once Upon a Time in Anatolia

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Nuri Bilge Ceylans bislang heiterster und zugänglichster Film, der es aber unter der gefälligen Oberfläche in sich hat. Zu den gestellten Rätseln gehört auch, ob sich der Titel auf Sergio Leones Westernklassiker, aufs Märchen oder auf ein Nichts bezieht

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Am Anfang wähnt man sich in einer Komödie. Eine Gruppe von Männern fährt verteilt auf zwei Autos und einen Jeep durch die Dunkelheit. Während das Scheinwerferlicht sehr begrenzte Ausblicke auf eine hügelige Landschaft mit steinigen Äckern freigibt, hört man Ausschnitte ihrer Gespräche. Aus dem einen Auto heraus macht man sich darüber lustig, dass das andere schon wieder anhält, weil einer austreten muss. Kurz wird das Thema Prostatabeschwerden gestreift. Ehefrauen und kranke Kinder werden erwähnt. Der Geschmack von Joghurt wird erörtert, manch alte Geschichte und daraus gewonnene Lebensweisheiten werden zum Besten gegeben. Und immer wieder hält die kleine Kolonne an, es steigen verschiedene Männer aus, suchen nach etwas und fahren unverrichteter Dinge weiter. Ihre Laune wird schlechter, ihre Gespräche werden existenzieller. Die Wiederholung aber macht das Ganze für den Zuschauer zum Running Gag

Dabei erfasst der Zuschauer recht schnell, dass der Anlass dieses nächtlichen Streifzugs alles andere als heiter ist. Die Männer suchen eine Leiche, ein Mordopfer. Nach und nach kann man aus den Gesprächen auch die soziale und hierarchische Zusammensetzung dieser seltsamen Männergemeinschaft ausmachen: Es handelt sich um Fahrer, ein paar Polizisten, zwei Tatverdächtige, einen Doktor, einen Staatsanwalt und einen Polizeichef. Einer der Tatverdächtigen ist geständig und will die Polizei zur Leiche führen, doch leider ist alles, woran er sich erinnert, dass er sie in der Nähe eines Brunnens begraben hat. Und davon gibt es einige. So geht die Suche weiter. 

Bösartig gesagt, ist Once Upon a Time in Anatolia wohl Nuri Bilge Ceylans bislang geschwätzigster Film. Zusammen mit der komödiantischen Anmutung macht ihn das trotz epischer Länge von 150 Minuten aber zunächst leichter zugänglich als die ästhetisch hermetischeren Vorgängerwerke Drei Affen, Iklimler – Jahreszeiten oder Uzak. Doch unter der schwarzhumorig-redseligen Oberfläche zieht der Film seine Zuschauer in eine Art Sumpfmoor von Unsicherheiten, Rätseln und Zweifeln hinein, denen sich die gezeigten Männer ausgesetzt sehen – über ihre Gesundheit, aber auch ihre soziale Stellung, über ihre Frauenbeziehungen und nicht zuletzt ihr Verhältnis zu ihrer Heimat. 

Aus all den Gesprächen über Nichtigkeiten eine solche gesamtgesellschaftliche Interpretation zu ziehen, mag manchem weit hergeholt erscheinen. Doch das »Weitherholen« ist geradezu Ceylans Spezialität: seine bevorzugte Kameraeinstellung ist die lang gehaltene Totale, bei der die Dialoge herangeholt werden, bzw. die Naheinstellung, bei der man die Gespräche von weiter weg hört. Auch kommt die lange nächtliche Suche irgendwann zu einem Ende. Gen Morgengrauen wird auch die Leiche gefunden. Doch statt Licht ins Dunkel bringt der Tag nur weitere Rätsel. Ist der Geständige wirklich der Mörder? Was hat das Opfer getan? Ceylan legt Hinweise aus, ohne Gewissheiten zu schaffen. Und dann gibt es da noch diese eine Geschichte von der Ehefrau, die ihren eigenen Todestag vorhersagte. Und der Zuschauer muss sich fragen, ob er statt einer Komödie etwa einen Rachethriller gesehen hat.

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