Kritik zu November

OmeU © Oscilloscope Laboratories

Die Verfilmung des in Estland berühmten Romans von Andrus Kivirähk durch Rainer Sarnet gewann in diesem Jahr den Hauptpreis beim Wiesbadener goEast-Festival

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Einen solchen Film bekommt man nur alle paar Jahre zu sehen. Einen Film, der so etwas wie ein Universum kreieren kann, mit einer visuellen Poesie, die sich um die Realität nicht schert, die surreal ist, aber manchmal auch ganz geerdet. Ein Film, der sich der Motive der schwarzen Romantik bedient, aber auch archaischer Mythen. Gedreht in einem Schwarzweiß, das man heute vielleicht nur bei Pawlikowski  sieht oder früher bei Tarkovskij gesehen hat.

Und schon der Anfang wirkt wie eine Verbeugung vor dem sowjetischen Regisseur. Wir sehen eine eisige, schneeverhangene Landschaft, die Bäume spiegeln sich im Wasser, von dem ein Wolf trinkt, der durch die Landschaft läuft und sich im Schnee wälzt. Aber dann: ein seltsames, dreigliedriges Wesen vor einem verfallenen und nebelverhangenen Schloss, mit einem skelettierten Kuhkopf als Mittelpunkt und Extremitäten, die etwa aus einer Sense und einem Hammer bestehen. Es wird ein Kalb stehlen und sich mit dem Tier an der Kette als Propeller in die Luft erheben und über die Bäume fliegen wie der Bauer in der Exposition von Andrej Rublev mit seinem Ballon.

Nun, dieses Geschöpf ist ein »Kratt«. Die Bauern bauen solche Wesen aus Haushaltsgegenständen – und Kratts können einen ganz eigenen Charakter haben. In das Schloss, das eher einer Ruine gleicht und dessen Haushälterin die Einrichtung nach und nach wohl verkauft hat, zieht ein deutscher Baron mit seiner somnambulen, schlafwandelnden Tochter ein. Gespielt wird der von Dieter Laser, der mit seinem weißgeschminkten Gesicht so iirrlichtert wie der ganze Film, der es mit der Wirklichkeit eh nicht so genau nimmt und auf eine Zeit- und Ortsein­ordnung völlig verzichtet; es ist eine Zeit vor der industriellen Revolution, vielleicht das frühe 20. Jahrhundert. Die Not der Bauern in ihren einfachen, niedrigen Holzhütten jedenfalls ist groß.

Aufhänger des Films ist eine Liebesgeschichte: Die Bauerstochter Liina (Rea Rest) hat sich in den Dorfjungen Hans (Jörgen Liik) verliebt, doch der ist in die für ihn unerreichbare Tochter des Barons verschossen. Doch auch diese Liebesgeschichte wird nicht realistisch ­auserzählt. Zu Allerseelen versammeln sich die Dorfbewohner mit Kerzen auf dem Friedhof – in einer der hypnotischen Szenen des Films – und warten auf ihre Angehörigen, die weiß gekleidet wie aus dem Nichts kommen und mit denen sie nach Hause gehen. Wie selbstverständlich. Und immer wieder gibt es, neben den Kratts, Einsprengsel des Absurden, wenn die Bauern, um sich vor der Pest zu ­schützen, ihre Hosen über den Kopf ziehen, damit die Pest – in Gestalt  eines Ziegenbocks – von ihnen ablässt. Und auch vor einem ziemlich derben und ­fäkalistischen Humor schreckt der Film nicht zurück. Der wirkt fast wie ein Verfremdungseffekt in diesem visionären, etwas anderem Fantasy-Film.

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