Kritik zu Miss Bala

© 20th Century Fox

Eine der großen Entdeckungen des letztjährigen Festivals von Cannes: Der Mexikaner Gerardo Naranjo schickt seine Heldin auf einen verblüffenden Kreuzweg zwischen Heranwachsen und Gewalt

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Im Verlauf der Jahrzehnte, in denen der Drehbuchautor Walter Bernstein an Filmschulen in Dartmouth und New York unterrichtete, musste er einen Mentalitätswandel unter den Studenten feststellen, der ihn nachhaltig verstörte. Für den Szenaristen, der unter anderem einen der besten Thriller über den Kalten Krieg (Angriffsziel Moskau) geschrieben und seine Erfahrungen während der Zeit der Schwarzen Liste in Filmen wie Der Strohmann verarbeitet hat, war der Konflikt stets eine selbstverständliche Grundlage des Dramas gewesen. In den 70er und 80er Jahren verstanden die Studenten dieses Konzept noch, ihre Nachfolger im Jahrzehnt darauf aber schon nicht mehr. Wenn er ihnen die Aufgabe stellte, ein eigenes Erlebnis in einem Szenenentwurf zu schildern, nahmen sie ausnahmslos die Rolle des Beobachters oder des Opfers ein. Als Protagonisten ihrer Geschichte konnten sie sich nicht sehen.

Als Altlinker war Bernstein empört darüber, dass eine offenkundig energie- und fantasievolle Generation sich selbst Tatkraft und Entschlossenheit absprach. Die soziologische Dimension seines Befundes erschütterte ihn natürlich stärker als die dramaturgische. Die Vorstellung, keine Handhabe mehr über die eigene Existenz zu besitzen, ist dem US-Kino freilich noch immer fremd. Aber der Zuschauer ist wahrscheinlich auch dort schon weiter, hat sich an einen toleranteren, flexibleren (vielleicht auch genügsameren) Umgang mit Konventionen gewöhnt. Wie sich aus dem Gefühl der Machtlosigkeit, aus der unentrinnbaren Passivität ein immens spannender Thrillerplot entwickeln lässt, führt der mexikanische Regisseur Gerardo Naranjo in seinem neuen Film eindrucksvoll vor. Seine Protagonistin (das ist sie trotz allem) steht im Zentrum eines Drehbuchs, in dessen Wendungen und Ausgang sie niemand eingeweiht hat: eine unschuldige Außenstehende, die von einer grimmigen Laune des Schicksals an die nächste weitergereicht wird.

Am Beginn dieser Kaskade der Verhängnisse steht ein Schritt vom Wege, über den uns der Film das sonst übliche moralische Urteil erspart. Laura (Stephanie Sigman) ist eine junge, verantwortungsvolle Frau, die an einem Schönheitswettbewerb um den Titel der »Miss Baja California« teilnehmen will. Am Vorabend lässt sie sich von ihrer Freundin überreden, in einen Nachtclub mitzukommen, in dem sich einige Männer vergnügen, die vielleicht das Votum der Jury beeinflussen könnten. Der Club wird überfallen, Vermummte richten unter den Gästen ein Blutbad an, das man zunächst für die Episode eines Bandenkriegs oder eine Entführung halten könnte; ein in Mexiko bekanntlich einträgliches Geschäft. Die Angreifer lassen die Augenzeugin Laura überraschend frei. Als sie am nächsten Morgen einen Polizisten nach dem Verbleib ihrer Freundin fragen will, führt der sie unversehens zurück in die Arme der Banditen.

Kühn setzt Naranjo alle Regeln von Exposition und Evidenz außer Kraft. Der Zuschauer weiß in keinem Augenblick mehr als die Heldin, auf deren Perspektive ihn der Film unbedingt festlegt. Während man noch rätselt, weshalb der Film nicht Miss Baja heißt (der Titel ist ein nicht ganz glückliches Wortspiel: »bala« heißt im Spanischen »Kugel«), wird Laura immer heilloser in die Taktik der Banditen verstrickt, die einen Rachefeldzug gegen die örtliche Polizei und die US-amerikanische Drogenbehörde führen. Falsche Spuren erweisen sich indes mitunter als richtige; die latente Drohung der sexuellen Nötigung erfüllt sich zunächst in dem smarten Winkelzug des Bandenchefs Lino (Noé Hernández), den Körper der gertenschlanken Gefangenen als Geldversteck zu benutzen. Die verblüffende Vertrauensseligkeit der Banditen gegenüber der schönen Zeugin entpuppt sich als Investition in die unmittelbare Zukunft; auch auf den Wettbewerb wird das einfallsreich surreale Szenarium zu gegebener Zeit zurückkommen. Der Abspann des Films beklagt die 35 000 Menschenleben, die der Drogenkrieg in Mexiko seit 2006 gekostet hat und versichert sich damit einer moralischen Eindeutigkeit, die er bis dahin nicht brauchte. Die Gefechte zwischen Polizei und Drogenhändlern sind Kabinettstücke humanistischer Subversion. Ihre Unübersichtlichkeit bricht mit den Mechanismen der Identifikation, die im Actionkino herrschen: Sonst darf man sich als Zuschauer ja auf einer Seite wähnen und ein klammheimliches Gefühl von Souveränität hegen. In langen Plansequenzen setzen Naranjo und sein ungarischer Kameramann Mátyás Erdély ihre Protagonistin hingegen schutzlos dem Kugelhagel aus. Aber Laura beweist auf ihrem Kreuzweg erstaunliche Unverwüstlichkeit. Sie ist geistesgegenwärtig, begreift blitzschnell die knappen Anweisungen ihrer Peiniger; wenn sie ihren kleinen Bruder beruhigt, alles werde gut, besitzt das einige Überzeugungskraft. Der Hollywoodveteran Walter Bernstein wäre gewiss verblüfft, wenn er Miss Bala zu sehen bekäme. Gefallen würde er ihm bestimmt, denn Laura ist nicht einfach eine passive Heldin. Sie besitzt die Würde des Überlebensinstinkts.

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