Kritik zu Minotaurus
Seit Andrei Swjaginzews letztem Film »Loveless« vor neun Jahren ist viel passiert in seiner Heimat Russland. »Minotaurus«, Film noir und vehemente politische Anklage zugleich, wurde in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.
Gleb, seine Frau Galina und Sohn Serjoscha wohnen in einem großzügigen modernistischen Haus an einem See, umgeben von Wald. Alles strahlt Wohlstand und Ruhe aus, abends kommt der Vater aus dem Büro in der nahen Stadt, man isst gemeinsam in angenehm gedämpftem Licht vor der großen Glasfront zum Garten. Doch die nervöse Vorspann-Musik lässt in diesen Bildern scheinbarer Behaglichkeit von Beginn an die Katastrophe erwarten. Und erscheinen diese Menschen, wenn der Kamerablick sie von außen wie in einem Gehäuse sitzend einfängt, nicht längst wie Gefangene?
Dunkle Vorzeichen mehren sich: Als Gleb telefoniert, geht es um Probleme in der Firma, und Galina scheint etwas vor ihm zu verbergen. Schritt für Schritt erschließt Swjaginzews stets kühl und sachlich bleibende Inszenierung auch, was jenseits dieses Privatlebens gerade geschieht: Ein großes »Z« auf einem Auto am Straßenrand. Bilder von Explosionen und Panzern in den Nachrichten. Später Panzertransporte per Eisenbahn, Rekrutierungsplakate an den Straßen. Wir schreiben das Jahr 2022, die russische Großinvasion in die Ukraine hat gerade begonnen. Sie wirkt sich auch auf Glebs Firma aus: Scharenweise kündigen Mitarbeiter, auf der Flucht vor der Mobilmachung. Dann beruft der Bürgermeister die wichtigsten Unternehmer der Stadt zu einer Sitzung ein. Unter Putins Porträt verlangt er binnen einer Woche Listen von Beschäftigten, die für die »militärische Spezialoperation« rekrutiert werden können. Gleb muss vierzehn seiner Leute auswählen, also opfern. Auch privat gerät er immer mehr unter Druck, als er einen langjährigen Mitarbeiter für eigene Zwecke rekrutiert, um seiner Frau hinterherzuspionieren. Sein Verdacht wird bestätigt: Galina betrügt ihn dreimal die Woche mit einem Fotografen. Und Gleb entgleitet zusehends die Kontrolle . . .
Wer Claude Chabrols Film »Die untreue Frau« kennt, ahnt den finsteren Verlauf, denn Andrei Swjaginzews »Minotaurus« ist eine Art Remake. Konzentrierte sich Chabrol in seinem Film aber ganz auf Individuen in bourgeoiser Beklemmung und Gewalt, zieht Minotaurus eine zweite Ebene ein, die von Macht und Missbrauch im heutigen Russland erzählt. So wird aus einem packenden Film noir zugleich das Porträt einer moralisch zerfallenen Gesellschaft.
Swjaginzew hat seinen neuen Film nach langer Pause gedreht. Eine heftige Covid-Erkrankung mit 40 Tagen im künstlichen Koma und anschließenden schweren Lähmungserscheinungen hinderte ihn jahrelang an der Arbeit. Doch Minotaurus ist mindestens so konzentriert und kraftvoll erzählt wie seine früheren Werke. Schock und Wut über den Kriegsbeginn, von dem er im Krankenhaus in Deutschland erfuhr, sind tief in den Film eingeschrieben. Und die Kritik am System Putin, die noch in »Leviathan« oder »Loveless« zwar kaum missverständlich, doch eher indirekt und metaphorisch formuliert war, wird in »Minotaurus« zur vehementen Anklage. So hätte Swjaginzew ihn kaum in Russland drehen können, folgerichtig doubelt Riga die fiktive mittelgroße russische Stadt Krasnoborsk. Er selbst war nach seiner Krankenhauszeit nach Frankreich übergesiedelt.
Die politische Deutlichkeit kostet mitunter Subtilität, doch wie »Minotaurus« die Ebenen verzahnt, ist virtuos. So erzählt der Film in all der bläulichen Kühle und Distanz seiner Bilder – die Kamera führte wieder Swjaginzews Stammkameramann Michail Kritschman – von Opportunismus und Mitläufertum, vom Versuch, sich irgendwie durchzuwurschteln, ohne in den Blick der Behörden zu geraten, und von den Möglichkeiten, private Probleme durch die Politik zu lösen – wenn man entsprechende Skrupel über Bord wirft. Und Gleb? Kommt auf die geniale Idee, für die Rekrutierungsliste einfach vierzehn nichtsahnende neue Männer einzustellen – die dann unweigerlich an die Front geschickt werden. Den Bewerbern wagt er kaum in die Augen zu schauen, aber er zieht nicht nur das durch: Später zögert er nicht, die Liste nochmals zu ändern und einen Mann einzutragen, den er lange kennt, der nun aber zu viel über ihn weiß.
»Minotaurus« ist bei aller politischen Deutlichkeit ein Film voller Ambivalenzen auf der menschlichen Ebene. Das Innenleben der Figuren bleibt weitgehend unsichtbar, Swjaginzew zeigt nur ihr Handeln. Die Kommunikation ist dabei meist reduziert, die Geschlechterverhältnisse scheinen verkrustet. Insbesondere Gleb und Galina scheinen sich schon lange nichts mehr zu sagen zu haben. Bei einem Dinner mit Freunden im Nobelrestaurant – ein pointiertes Sittenbild der gehobenen Klasse – spielen die beiden wie im Alltag auch das harmonische Paar, doch hinterher bricht es aus Galina hervor: »Dieser Sumpf frisst mich auf!«
Galina ist die am empathischsten dargestellte Figur, sehr nuanciert gespielt von Iris Lebedeva, und ihre Liebesszene mit dem Fotografen in dessen Atelierwohnung ein aus dem frösteligen Rahmen herausfallender Moment von Wärme und Ausgelassenheit. Als könne die Kamera mit dieser Intimität nicht umgehen, beginnt sie, im Apartment umherzuschweifen – einer von mehreren bemerkenswerten Momenten einer stets hochreflektierten Mise en Scène. Der anfangs so bieder und kontrolliert wirkende Gleb dagegen, fein und leise gespielt von Dmitri Mazurov, verliert sich in den Gesetzen der Gewalt, die er offenbar gründlich verinnerlicht hat. Schon als sein Sohn ihm gesteht, von einem Mitschüler schikaniert zu werden, gibt Gleb ihm den väterlichen Ratschlag, er solle ihn am Kragen packen und drohen, ihm das Gesicht einzuschlagen. Aber nur drohen! Denn wer handgreiflich werde, der verliere.
Der Kriminalplot und die Gewalt kulminieren in einer hochspannenden zwanzigminütigen Sequenz ganz ohne Dialoge und Musik – ein inszenatorisches Meisterstück: präzise, grausam und mit einer guten Prise bizarren Humors. Ihre qualvolle Ausführlichkeit erinnert an Norman Bates’ Spurenbeseitigung in Hitchcocks »Psycho«. Doch Glebs Reise ins Zentrum des Labyrinths ist damit noch lange nicht zu Ende.











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