Kritik zu Milchkrieg in Dalsmynni

© Alamode Film

Als ihr Mann stirbt, begehrt eine Milchbäuerin in der isländischen Provinz gegen die mafiösen Machenschaften der Bauernkooperative auf

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Die klaren Augen, der blasse Teint des nicht alten, aber doch von Alter und Wetter gezeichneten Gesichts, das strohige, gerne unter einem großzügigen Stirnband verpackte Haar: Arndís Hrönn Egilsdóttir alias Inga, wie ihre Figur in »Milchkrieg in Dalsmynni« heißt, lässt an Frances McDormand in ihrer Paraderolle als Mildred Hayes in »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri« denken. Wobei die isländische Version mit ihrem weniger aufbrausenden Temperament auch an Zorica Nushevas bockig-schweigsame Märtyrerin Petrunya in »Gott existiert, ihr Name ist Petrunya« erinnert. Allen drei Filmen ist gemein, dass darin eine Frau aufsteht: in »Three Billboards« gegen einen korrupten Haufen Cowboy-Polizisten, der auf dem rechten Auge blind ist, in »Petrunya« gegen einen patriarchalen Kirchen- und Staatsapparat; und hier, in Grímur Hákonarsons Film, gegen eine Bauernkooperative, die mit ihren mafiösen Strukturen die isländische Provinz fest im Griff hat.

In langen, starren Einstellungen foto­grafiert Kameramann Mart Taniel das Geschehen und bringt uns ans gefühlte Ende der Welt. Die Landschaft ist karg, es ist zugig und kalt, die bildgewordene Quin­tessenz von Ingas Innerstem. Gemeinsam mit ihrem Mann Reynir (Hinrik Ólafsson) arbeitet sie rund um die Uhr auf ihrem Milchhof Dalsmynni. Es geht ums Überleben, die beiden sind hochverschuldet, der letzte Urlaub liegt über drei Jahre zurück. Als Reynir bei einem Unfall mit dem LKW tödlich verunglückt, bricht für Inga die Welt zusammen.

Gerade in der ersten Filmhälfte gelingt es Hákonarson, mit einer spartanischen, aber effektiven Dramaturgie Spannung aufzubauen. Da kommt mit Leifur (Hannes Óli Ágústsson) die Exekutive im schwarzen Mercedes vorgefahren und spricht das Recht der Kooperative. Er schüchtert die kleinen Leute ein und schreibt jeden auf die schwarze Liste, der es wagt, außerhalb des überteuerten Supermarkts der Kooperative zu kaufen. Eyjólfur (Sigurður Sigurjónsson), der Boss des Vereins, gibt nach außen den verständnisvollen, hilfsbereiten Kumpel. Aber unter seinen gemütlichen Wollpullovern versteckt er eine dunkle Seite.

Hat Eyjólfur, der Reynir gegen seinen Willen als Spitzel verpflichtet hat, vielleicht sogar etwas mit dessen Tod zu tun? Hákonarson spielt mit dem Vagen und Subtilen. Das Treiben der Provinzmafia ist durchzogen von mal mehr, mal weniger passiver Aggressivität, mit der sich die aufbegehrende Inga konfrontiert sieht. Die »Revoluzzerin«, wie sie einmal genannt wird, steht zunächst allein auf weiter Flur. Gegen jenes über hundert Jahre eingeschliffene, mittlerweile überhaupt nicht mehr demokratische System.

Hákonarson erzählt, verpackt in eine exzentrische Geschichte, von aktuellen Themen: von weiblichem Empowerment gegen patriarchale Strukturen, von der Not der Landwirtschaft und, allegorisch, von der veralteten Idee einer hermetischen Wirtschaftsnation, die in Zeiten der Globalisierung auch wider demokratische Grundsätze verteidigt wird.

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