Kritik zu The Middle Man

englisch © TIFF

In Bent Hamers neuem Film wird ein amerikanisches Kaff von einer rätselhaften Sterbewelle heimgesucht

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Ob er denn Erfahrung darin habe, schlechte Nachrichten zu überbringen, wird Frank in einem recht ungewöhnlichen Einstellungsgespräch gefragt. »Ja schon«, erwidert er vor der Kommission, der Sheriff (der Kanadier Paul Gross), Pfarrer (der Däne Nicolas Bro aus schwarzkomödiantischen Kabinettstückchen wie »Men & Chicken« von Anders Thomas Jensen) und Arzt (der Kanadier Don McKellar) des amerikanischen Kaffs angehören. Er habe seiner Mutter die Nachricht vom Tod des Vaters gebracht. Der sei beim Reparieren der Dachrinne von der Leiter und in eine im Gras liegende Sense gefallen, die seinen Kopf geteilt habe wie ein Ei. Die emotionslos sachliche Aussage über ein dramatisches Ereignis trifft den Grundton des Films von Bent Hamer und ist eine klare Qualifikation für den ausgeschriebenen Job als »Middle Man«.

Wie Ben Foster und Woody Harrelson in »The Messenger« spielt nun Pål Sverre Hagen den Überbringer der schlechten Botschaften, nur dass er die Hinterbliebenen nicht über die Opfer des Irakkriegs informiert, sondern über die Gefallenen im alltäglichen Lebenskampf im heruntergekommenen Provinzkaff Karmack, das im amerikanischen Rostgürtel gelegen und in einen malerischen Zustand des Verfalls getaucht ist, einen zeitlosen Depressions-Retrolook in stumpf verblichenen Farbtönen, mit funzeligem Licht und abgeblätterter Farbe. Auf seltsam alarmierende Weise häufen sich hier die Todesfälle, jeder Unfall, jeder Streit scheinen tödlich zu enden. Ständig erliegt jemand einem Autounfall, wird versehentlich erschlagen oder erschossen, zwei auf den Bahngleisen laufende junge Mädchen werden vom Zug erfasst und ein Vater stirbt aus Kummer im Krankenhauszimmer am Bett seines hirntoten Sohnes. Schon die Anfertigung seines schwarzen Dienstanzugs ist mit Franks erstem Auftrag verbunden, pflichtfertig will er dem Schneider und seiner Frau unverzüglich die Botschaft vom Tod ihres aus dem Krieg zurückkehrenden Sohnes überbringen: »Lass sie sich noch ein bisschen freuen, dass er nach Hause kommt«, rät der Sheriff.

Die Helden der Filme des Norwegers Bent Hamer sind dem nordisch unterkühlten Temperament entsprechend wortkarge Loner, wie man sie auch aus den Filmen von Aki Kaurismäki oder der Coen-­Brothers kennt. Nicht leicht zu erschüttern, quittieren sie die schwersten Schicksalsschläge mit Langmut und resignierter Nonchalance. Und ähnlich wie in den Filmen des Landsmanns Hans Petter Moland reiht sich auch hier ein Todesfall an den nächsten. Mittendrin in diesem seltsamen Alltagskrimi blüht eine zarte Liebesgeschichte, zwischen der Sekretärin der Wache, die das Kino ihres Vaters geerbt hat (Schauspielerin und Regisseurin Tuva Novotny), und Frank (Pål Sverre Hagen, der sein Allerweltsgesicht zuletzt in Serien wie »Furia« und »Exit« mit mehr oder weniger leisen Abgründen aufgeladen hat und öfters bei Hans Petter Moland im Spiel war). Ein Schimmer des Lichts mitten im trostlosen Dunkel dieser Erzählung.

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