Kritik zu Meine Zeit mit Cézanne

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Eine hitzige Freundschaft verband den Erfolgsschriftsteller Émile Zola und den lange verkannten Maler Paul Cézanne. Danièle Thompson macht daraus einen verhaltenen, aber spannenden Film über soziale und ästhetische Missverständnisse

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Heute würde man ihn als manisch-depressiv einstufen. Paul Cézanne war aufbrausend, schlug alles kaputt und konnte sich kurz darauf wieder beruhigen. Bis zu seinem Lebensabend galt er als verkrachter Künstler, der überall aneckte. Einer der wenigen, die trotzdem zu ihm standen, war Émile Zola, an dessen Seite er aufwuchs. Die fast lebenslange Freundschaft zwischen dem Maler und dem Schriftsteller ist hierzulande weniger bekannt. In ihrem Doppelporträt arbeitet Danièle Thompson heraus, dass die biografische Nähe zwischen den beiden von Spannungen und Irrtümern überschattet war.

Ihr Film beginnt mit Schlaglichtern auf die gemeinsame Kindheit. Der italienische Halbwaise Zola kommt aus ärmlichen Verhältnissen, beißt sich mit eiserner Disziplin durch und bringt es zwischen dem 25. und 50. Lebensjahr, während er den bedeutendsten Teil seines Werks veröffentlicht, zu Ansehen und Wohlstand. Cézanne unterdessen bricht mit dem Vater, einem reichen Bankier, um sich als belächelter Außenseiter der Kunst zu widmen, die ihm weniger leicht von der Hand geht als dem berühmten Freund. Jahr für Jahr treffen sie sich in Zolas plüschigem, zugestelltem Arbeitszimmer, und es ist ein bisschen, als würde ein Minister einen Penner empfangen. Zum Konfliktfall wird der Roman »L'œuvre«, in dem Zola den Freund als scheiternden Maler beschreibt, der sich aufgrund künstlerischer Defizite umbringt. Cézanne fühlt sich karikiert. Es kommt zum Bruch.

Danièle Thompson, die ihre Vielseitigkeit mit locker inszenierten Liebesgeschichten (»Jetlag«) und bissigen Gesellschaftskomödien (»Affären à la carte«) unter Beweis stellte, unternimmt einen dialoglastigen, aber dennoch reizvollen Streifzug durch die französische Kultur- und Kunstgeschichte, vom Pariser Salon des Refusés bis zur Affäre Dreyfus. Ihre Sympathien gelten Cézanne und seinem qualvollen Ringen um den künstlerischen Ausdruck: »Wenn die Form nicht der Idee folgt, will ich den Pinsel an die Decke werfen«, erklärt der hitzköpfige Maler. Guillaume Gallienne, der sich in Maman und ich mit feinsinniger Travestie profilierte, spielt den Künstler unter einer dicken Schicht Schminke mit der Anmutung eines Catweazle. Erst am Ende zeigt die Regisseurin, was der Zuschauer die ganze Zeit über weiß. Mit dem eingeblendeten Gemälde »Montagne Sainte-Victoire« wird deutlich, wie Cézanne die Farben entfesselte und die Landschaft vibrieren ließ. Dieses ästhetische Konzept steht im gefühlten Kontrast zu Zolas Literatur, die zwar dank ihrer journalistisch präzisen Beschreibung sozialer Missstände bahnbrechend war – dabei aber formal keine der Malerei von Cézanne vergleichbare Sprengkraft entfaltete. Geradlinig und ohne visuelle Experimente inszeniert, erzählt der Film die bewegende Geschichte aus der Perspektive des literarischen Ingenieurs Zola, der den Freund und dessen Kunst letztlich total missverstand. Die antizyklische Entwicklung zwischen dem früh vollendeten Schreiber und dem lange Zeit als Kleckser verkannten Maler gibt dem Film eine enorme Spannung.

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