Kritik zu Master Cheng in Pohjanjoki

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Kommt ein Chinese nach Lappland: Mika Kaurismäki, der kleine Bruder von Aki, feiert in seiner lakonischen Heimatkomödie den finnischen Way of Life und seine lockeren Weisen der Integration. Dazu gibt es »Rentier nach chinesischer Art« 

Bewertung: 4
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4.5
4.5 (Stimmen: 2)

In einem Dorf mit unaussprechlichem Namen steigen zwei traurige Chinesen aus dem Bus. Im örtlichen Lokal fragt der eine in gebrochenem Englisch die mürrische Besitzerin Sirkka nach einem gewissen Fongtron. Doch jener Freund, wegen dem Cheng die lange Reise von Schanghai nach Finnland unternommen hat, scheint unbekannt. Sirkka serviert Cheng und seinem Sohn Nunjo als Trost die einzige Spezialität des Hauses: Kartoffeln mit brauner Wurstsoße. Und mit der Bestimmtheit, mit der Nunjo, so müde und hungrig er auch ist, den Teller von sich schiebt, weiß man, dass Pohjanjoki die Endstation für das ­Vater-Sohn-Duo sein wird. In dieser Einöde nördlich des Polarkreises, in der nicht nur kulinarisch die Dinge im Argen liegen, gibt es einfach zu viel zu tun. Als am nächsten Tag – die beiden haben inzwischen in Sirkkas Haus Quartier genommen – eine chinesische Reisegruppe im Restaurant strandet und angesichts des Wurstmenüs die Nase rümpft, übernimmt Cheng die Küche. Er ­entpuppt sich als professioneller Koch, dessen Künste fortan nicht nur chinesische Touristen erfreuen. 

Aki Kaurismäkis kleiner Bruder Mika, bisher vor allem durch Musikdokumentarfilme bekannt, wandelt in seiner lakonischen Komödie zwar auf ausgetretenen Pfaden. So wurden zuletzt etwa in »Salami Aleikum« ostdeutsche Provinzler mit orientalischen Reisgerichten zur Globalisierung bekehrt. Doch angesichts Chengs undramatischer Eingemeindung sträubt man sich, den hochtrabenden Begriff »Integration« zu verwenden: Der verwitwete Koch macht sich nützlich und erfüllt einen Bedarf, von dem vor seiner Ankunft niemand wusste, dass es ihn gibt. Unterspielt wird auch die latente Bedrohung durch einen Polizisten, der auf gültigen Papieren beharrt. Die linguistische Pointe des »Fongtron«-MacGuffins ist von der ersten Filmminute an zu erahnen. Und selbst wenn »Rentier auf chinesische Art« die kulinarische Neugierde weckt, wird doch virtuoser Schnippeltechnik eher weniger Raum gewidmet. Auch die Annäherung zwischen Cheng und Sirkka wirkt etwas mechanisch, zumal die junge Frau, mit ihrer handfesten Ehrlichkeit zum Symbol finnischen Nationalcharakters erhoben, darüber hinaus wenig charakterliche Kontur verliehen bekommt.

Kaurismäki verwendet das Erzählmuster von der Integration, die durch den Magen geht, vor allem als Rahmen, um auf entwaffnend mätzchenfreie Art von existenzielleren Dingen zu schwärmen. So entpuppt sich diese finnische »Eat Drink Man Woman«-Variante allmählich als Ode an das Trinken und an die Männerfreundschaft. Denn zu den größten Fans von Cheng und seiner Kochkunst entwickeln sich die leicht verwilderten alten Junggesellen der Gegend. Der Schlüsselmoment der Komödie ist jener Tag, an dem sie den höflichen Chinesen ohne viel Federlesens in die Sauna mitnehmen und ihn mit Wodka dazu animieren, ins kalte Seewasser zu springen. Die Treuherzigkeit, mit der diese maskulinen Verbrüderungen mittels Schweiß, Hochprozentigem und Selbstüberwindung ausgemalt werden, ist einfach bezaubernd.

Spottete Bruder Aki einst darüber, dass seine melancholischen Tragikomödien ihn zur meistgehassten Person der finnischen Tourismusindustrie machten, so dürfte Mikas vollkommen unzynische Feelgood-­Komödie die Branche erfreuen. Denn die wahre Liebesaffäre spielt sich hier zwischen der Kamera und der lappländischen Natur ab, deren rauer Charme in langen, stillen Einstellungen gewürdigt wird. Das Zwielicht der hellen Sommernächte verleiht der Gegend etwas paradiesisch Entrücktes. Spiegelglatte Seen und Wälder werden zu Hauptdarstellern, bei deren Anblick traurige Menschen ohne große Worte zur Ruhe kommen, wo sie einen Platz für ihre Erinnerungen, mithin eine Heimat, finden können. Es ist ein Finnland ohne Mücken, ein Ort des Leben-und-Leben-lassens am Rande der Zivilisation, in dem Männer ganz bei sich sein können: auf einem Boot, beim Angeln, Grillen, Trinken und Singen. So viel hübsch angerichtete Männerromantik war selten.

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