Kritik zu Marina Abramovic: The Artist Is Present

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2012
Original-Titel: 
Marina Abramovic: The Artist Is Present
Filmstart in Deutschland: 
29.11.2012
Musik: 
V: 
L: 
105 Min
FSK: 
12

Esoterisch, spirituell, naiv und ganz und gar im Hier und Jetzt: Matthew Akers dokumentiert Marina Abramovics titelgebende Performance und kommt an sie und ihre Kunst auf verblüffende Weise heran

Bewertung: 5
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Ein braunes Augenpaar. Drumherum die hell abgepuderte, klare Fläche eines Gesichts. Groß genug für jede Leinwand, nah genug, um sein Gegenüber im Innersten zu rühren. Marina Abramovic in ihrer legendären Performance »The Artist Is Present«, die vom 14. März bis 31. Mai 2010 im New Yorker Museum of Modern Art stattfand. Und New York und der Rest der Welt kam, stand stundenlang Schlange, schlief auf dem Bürgersteig, zog geduldig eine Wartenummer, nur um irgendwann gegenüber der 63-jährigen jugoslawischen Urmutter der Performance Platz zu nehmen. Wie sie da sitzt, sieben Stunden täglich, bewegungslos auf einem Holzstuhl, mit einer versteckten Vorrichtung zum diskreten Urinieren. Wie sie den Blick des Besuchers zurückwirft, mit rückkoppelnder Bedeutung auflädt, sich geradezu osmotisch öffnet, für ein anderes Wesen. Alles scheint für die Dauer dieses Anschauens möglich. Liebe, Hass, Endlichkeit, Vereinigung.

Insgesamt 736 Stunden und 30 Minuten Dauerpräsenz. Welche Anstrengung, Disziplin und Unbedingtheit! Da gibt es keine Verstellung mehr, nichts mehr zu erfinden oder zu interpretieren. Sein und Präsentation gehen nahtlos ineinander über. Und vielleicht ist das einer der Gründe, warum Abramovics Körperkunst so gut in diesem Film von Matthew Akers aufgehoben sein kann, der ihre Performance über die gesamte Zeit begleitet hat.

Mit seinem Kameraauge, das ein exzellentes Gespür für Distanz und Nähe beweist, sehen wir, wie die Künstlerin ihren Blick von jeder Erwartung und Festlegung leerräumt, sich stabilisiert, durchlässig wird für die Projektionen des Gegenübers. Mal so energetisch, dass man eigentlich kleine Blitze sehen können müsste. Dann wieder sanft, geduldig oder auch entrückt. Ein Marienbild. Die heilige Marina mit ihrem geflochtenen Zopf, in ihrem blau, rot oder weiß leuchtendem langen Kleid, das wie die Zeit zu zerfließen scheint und dabei Kopf und Erde weich verbindet.

Matthew Akers Film beobachtet eine Wallfahrtskunst, die so wunderbar und so tief berührend im Kinobild aufgeht, wohl weil beide aus Projektionen gemacht sind. Aus der Lust am Sehen und Angesehenwerden, aus der Euphorie, im Blick des anderen alles werden zu können. Abramovics Präsenz und Akers Bilder, auch das ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Aufmerksamkeitsbedürftigen und der Welt, die sie beachtet.

Da werden Treppen hinaufstürmende Beine mit der Stille der Kunsträume verschnitten. Aufgeregte Gespräche vor den Museumstüren mit den Momenten großer Innigkeit in den Blickachsen zwischen Abramovic und ihrem Gegenüber kontrastiert. Und wenn Ulay, Abramovics ehemaliger Lebens- und Kunstpartner, vor ihr Platz nimmt, sich ihr Blick in Liebe und Trauer verschleiert, bis sie ihm schließlich beide Arme über den Holztisch reicht, ist das sehr, sehr anrührend. Szenenapplaus. Aber selbst wenn sich die Künstlerin erschöpft am Ende eines Museumstages in die »Haltung des Kindes« (Yoga) auf den Boden fallen lässt, oder im Umkleidezimmer die Knochenschmerzen ungebremst rausstöhnt – Diskretion bestimmt die Brennweiten. Wir sehen das, was wir sehen sollen. Ihre persona, das Wesen, das der Selbstdeutung nach nur in der Performance leben kann.

The Artist is Present ist als Kunstdokumentation ein fabelhafter Glücksfall. Nicht nur weil er die Verschwisterung der Sujets in Körperkunst- und Filmkunstwelten so klar und klug ausarbeitet. Sondern weil er sich von einer Idee verabschiedet, die so viele andere Dokumentarfilme über Künstler schon konzeptionell in den Schwitzkasten nimmt. Die Kamera in The Artist is Present stellt gar nicht erst die Frage nach künstlerischer Genialität. Sie distanziert sich von jeder Geheimnislüfterei und starrt nicht auf einen Klecks auf der Leinwand als alles erhellendes Detail. Sie verwickelt die Protagonistin auch nicht in Verhöre, in der Erwartung, eine begriffliche Essenz aufzuspüren, die die Kunst im Kern begründen oder ausdeuten könnte.

Matthew Akers deutet nicht. Im Gegenteil, auf das vordergründige Nichtstun der Abramovic’schen Kunst – »she slows your brain down«, sagt einmal jemand – projiziert er das eigene, verlangsamend oder beschleunigend. Zwar spult auch er sich durch die Schaffensgeschichte, was naheliegt, schließlich ist die Performance Teil einer großen Retrospektive. Aber der Bogen ergibt sich hier von selbst.

Abramovics Körperkunst passt bestens in eine Zeit digitaler Entleibung. Die Sehnsucht nach einer Kunst, die dem Ich und dem Einzelnen Wert und Würde vergewissert, ist groß. Doch der Film von Akers ist schlau genug, kein kulturpessimistisches Geraune über die Entfremdung im Virtuellen anzustimmen und doppelt im Off nicht, was an Abramovics Kunst so offensichtlich ist: das Esoterische, das Spirituelle, auch das bewusst Naive, das es nun einmal braucht, um eine Versöhnung zwischen Mutter Erde und ihrem verlorenem Einzelgeschöpf zu feiern. Eine Kunst, die vor keiner Anstrengung, keiner Zumutung und auch vor dem Kitsch nicht zurückscheut. EineKunst der Empathie.

 

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