Kritik zu The Man from London

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Der ungarische Regisseur Béla Tarr ist bekannt für seine überlangen, visionären Epen. Als er vor mittlerweile zwei Jahren bei den Filmfestspielen in Cannes diese Simenon- Verfilmung vorstellte, waren die meisten Kritiker vor allem – ratlos

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Es gibt im amerikanischen wie im europäischen Kino zwar viele Regisseure mit einer unverwechselbaren Handschrift, aber nur wenige, die ein ganz eigenes, abgeschlossenes und doch wiedererkennbares Universum kreieren können. Andrej Tarkovskij mit seinen immer wiederkehrenden visuellen Motiven gelang das, David Lynch auch. Und natürlich Béla Tarr. Aber während die anderen beiden in ihren späten Filmen immer hermetischer und erratischer wurden, geht Tarr mit seinem neuen Werk einen anderen Weg: Er nahm sich einen schon mehrere Male adaptierten Kriminalroman von Georges Simenon als Vorlage.

Aber natürlich hat er keinen gewöhnlichen Krimi inszeniert, sondern eine Verfilmung à la Tarr. Schon die viertelstündige Eröffnungssequenz dieses mit 134 Minuten eher kurzen Tarr-Opus ist atemberaubend. Der Blick durch ein Fenster, zuerst nur auf den Bug eines Schiffes, dann auf den Hafenkai, die Balken des Fensters wandern als schwarze Flächen durch das Bild, ein Zug wartet am Rand. Es ist der Blick des Weichenstellers Maloin (Miroslav Krobot), der von seinem erhöht gelegenen Kontrollturm aus einen Mord beobachtet, ganz hinten im Bild. Warum und weshalb dieser Mord geschieht, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel. Maloin schnappt sich den ins Wasser gefallenen Koffer mit Geld, 60.000 britische Pfund, die er auf seinem Ofen trocknet. Dass dieses Geld für Maloin einen Aus- weg aus seiner eher kläglichen Existenz bedeutet, zeigt eine Szene, in der er seiner Tochter einen neuen Mantel kauft und von seiner Frau (Tilda Swinton) zur Rede gestellt wird. Dass er sich damit schwer tut, zeigt Tarr in langen Einstellungen auf das verhärmte, grüblerische Gesicht Maloins. Nach dem Mord kommt ein Inspektor (István Lénárt) – aus London – in das Hafenstädtchen, untersucht das Schiff und ermittelt vor allem von der Lobby des Hotels aus.

Die Banknoten sind ein Hinweis darauf, dass das Geschehen irgendwie in der Jetztzeit stattfindet, ansonsten verbreitet der »The Man From London« eine seltsame Atmosphäre von Zeit- und Ortlosigkeit. In diesem Film bedeutet die Handlung wenig und der Stil alles. Die Figuren sind weniger Charaktere denn Gesichter, und Tarr gesteht ihnen kaum Psychologie zu. Über allem weht ein Gefühl von Verlorenheit und Einsamkeit.

Und Künstlichkeit. Gerade in den nächtlichen Szenen am Hafen wirkt das – reale – Dekor so, als sei diese Szene in der synthetischen Welt eines Studios gedreht. Tarrs Kameramann Fred Kelemen hat sie ausgeleuchtet wie in einem Film noir der vierziger Jahre: An der Kaimauer setzen die Lampen Lichtinseln. Dem Chiaroscuro der Nachtszenen dieses in Schwarz-Weiß gedrehten Films entgegengesetzt ist eine konturlose Fahlheit des Tages.

Man kann diesem Film vorwerfen, dass er über ein interessantes Experiment nicht hinauskommt, ja, dass Tarr sich ästhetisch an seinem eigenen Werk, an seinen früheren Filmen »Satanstango« und »Die werckmeisterschen Harmonien« – vielleicht sein bester – bedient; der visuellen Faszination und dem ganz eigenen Kosmos von »The Man From London« kann man sich dennoch nur schwer entziehen.

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