Kritik zu Licorice Pizza

© Universal Pictures

Für seinen neuen Film kehrt Paul Thomas Anderson in seine kalifornische Heimat zurück. Mit der Geschichte einer unwahrscheinlichen Liebe im Vordergrund zeichnet er ein Porträt der frühen 70er im »Valley«

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Vier, fünf Jahre muss man in der Regel auf einen neuen Film von Paul Thomas Anderson warten, denn der Regisseur ist ein berüchtigt akribischer Tüftler, der sich mit jedem Film in eine andere Zeitepoche einarbeitet. So tauchte er in »The Master in die Nachkriegsjahre ein, widmete sich in »There Will Be Blood« dem Ölrausch des frühen 20. Jahrhunderts und in »Der seidene Faden« der Londoner Modeszene in den 50er Jahren. Nachdem er sich 1997 in »Boogie Nights«, einer Geschichte über die Pornoindustrie, schon einmal mit den 70er Jahren beschäftigt hat, schlägt er jetzt in derselben Epoche einen viel persönlicheren und überraschend entspannten Tonfall an, was auch damit zu tun haben dürfte, dass er in seine kalifornische Heimat zurückkehrt.

»Ich habe heute die Frau getroffen, die ich heiraten will«, verkündet der 15-jährige ­Gary Valentine (Cooper Hoffman) erstaunliche selbstbewusst und meint die Mittzwanzigerin Alana (Alana Haim). Begegnet sind sich die beiden auf dem Weg zum Fototermin fürs Highschool-Jahrbuch, er als Schüler, sie als Assistentin des Fotografen. Für ihn ist es eine Amour fou, sie reagiert irritiert bis belustigt auf die forschen Avancen dieses Teenagers, ist aber auch irgendwie beeindruckt von seinem Auftreten. Als sie daran zweifelt, dass er sich vom Taschengeld ein Date im Restaurant leisten könne, erzählt er von seinen Sitcom-Erfolgen und Unternehmertätigkeiten. Während sie noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben ist, scheint er ihn längst gefunden zu haben.

Aus dieser Zufallskollision entwickelt sich die erste von mehreren Plansequenzen, für deren Meisterschaft Paul Thomas Anderson berühmt ist, die hier mal nicht ganz so ehrgeizig daherkommen, sondern sich stattdessen mit so betörend lässiger Leichtigkeit entfalten, dass man sich fast in einem Film von Richard Linklater glaubt. Viel hat das auch mit der völlig unprätentiösen Ausstrahlung der beiden Schauspieler zu tun, die hier ihre Leinwanddebüts geben: Cooper Hoffman, Sohn des früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman, und die Musikerin Alana Haim von der Geschwisterband Haim sind alles andere als glatte Jungstars, sondern immer zugleich durchschnittlich und sehr besonders, was auch den Stil des Films sehr treffend charakterisiert.

Eigentlich passiert nicht viel in dieser Geschichte, die immer im Fluss, immer in Bewegung scheint, mal im Tonfall eines entspannt flanierenden Flirt-Spaziergangs, meistens aber in Form von Jagd oder Flucht durchs San Fernando Valley hetzt. Motor sind die sprühenden Ideen von Gary, der mit Alanas Unterstützung einen Handel mit Wasserbetten aufzieht und auf die Änderung des Glückspielgesetzes mit der Eröffnung einer Flipperautomatenhalle reagiert. Der ganze Film ist eine Kette, an der wie Perlen lauter kleine Erzählepisoden aufgereiht sind. Während es vordergründig um die unwahrscheinliche Liebesgeschichte von Gary und Alana geht, breitet Paul Thomas Anderson ein Geflecht von politischen Bezügen aus, von der Ölembargo-Krise über das sich anbahnende Nixon-Impeachment bis zum Bürgermeisterwahlkampf. Vor allem aber ist »Licorice Pizza« auch ein Film über die Hollywoodvernetzungen im San Fernando Valley, dem fruchtbaren Humus, auf dem auch die Filmleidenschaften des Regisseurs gediehen sind. 

Gary ist ein ziemlich unverhohlenes Porträt des jungen Schauspielers Gary Goetzman, der später als Produzent unter anderem für »My Big Fat Greek Wedding« und »Mamma Mia« verantwortlich war. Im Film gehört Gary zur Besetzung einer an den Lucille-Ball-Film »Yours, Mine and Ours« angelehnten Familien-Sitcom. Auf den Vertriebswegen der Wasserbetten machen Gary und Alana die Bekanntschaft des Filmproduzenten und Barbra-Streisand-Geliebten Jon Peters, den Bradley Cooper schillern lässt. Genauso lustvoll verkörpert Sean Penn eine schmierige Version von William Holden. Während das Feld den Jungen gehört, haben die Erwachsenen aber nur wenig rühmliche Auftritte am Rande.

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