Kritik zu Kinatay

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Die Reaktionen auf Brillante Mendozas Film über Alltag, Korruption und Gewalt im heutigen Manila schwankten bei der Premiere in Cannes im vergangenen Jahr zwischen »Meisterwerk« und »schlechtestem Wettbewerbsbeitrag der Geschichte«

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Frühmorgens verlässt Peping, 20-jähriger Polizeischüler aus Manila, mit seiner Freundin und seinem Kleinkind die Wohnung. Es ist sein Hochzeitstag. Doch die Nacht wird er nicht mit seiner Braut verbringen. Wenn der junge Mann am kommenden Morgen wieder zu Hause ankommt, ist für ihn nichts mehr wie zuvor. Dennoch wird er sein Leben so weiterführen wie bisher: ein fataler Kreislauf, dessen Struktur Regisseur Brillante Mendoza hier beklemmend präzise herausarbeitet, hat sich geschlossen.

»Kinatay« bedeutet so viel wie Metzelei. Mendozas veristische Betrachtung der philippinischen Metropole ist aber kein »Manila Macheten Massaker«. Mit einer beweglichen Handkamera gefilmt, beginnt »Kinatay« als endlose Kette hektischer Bewegungen durch die Großstadt. Die dokumentarische Beiläufigkeit täuscht darüber hinweg, dass punktgenau beobachtet wird. Alles dreht sich um Geld und Statussymbole wie den teuren Van des Schwagers, der das Hochzeitsessen bezahlt und dem Bräutigam gönnerhaft das Wechselgeld zusteckt. Eine humorvolle Szene in der Polizeischule, in der herumlümmelnde Rekruten die Fragen ihres Lehrers nur gegen die ausgelobte Belohnung von 100 Pesos beantworten, führt nebenbei das Grundthema ein: Korruption.

Dass auch Peping längst Teil dieser krakenartigen Struktur ist, erfahren wir erst nach Sonnenuntergang, der Spiegelachse des Films. Jetzt werden die Bilder buchstäblich düster. Aus Plastiktüten hervorgezerrte Geldscheine wandern von Hand zu Hand. Eine von ihnen gehört Peping, der abends noch für einen Geldeintreiber arbeitet. Wenn er diese Nacht für einen Extrajob in das Auto seines Chefs steigt, dann weiß er zunächst ebenso wenig, worum es geht, wie der Zuschauer. Bevor klar wird, dass eine Prostituierte, die ihre gnadenlosen Polizeizuhälter austricksen wollte, entführt und umgebracht werden soll, ist Peping längst Tatzeuge und Komplize – den man rein logistisch gesehen gar nicht gebraucht hätte. Die heimtückische Zwangsläufigkeit, mit der Peping in den mörderischen Zirkel involviert wird, spiegelt sich in einer Ellipse, die auch die eigentlichen Mörder erst im Verlauf der Tat als Figuren einführt.

Vergewaltigt, bestialisch getötet und zerstückelt über die ganze Stadt verteilt wird eine Frau, die als Hure, Mutter und »Madonna« vorgestellt wird – wodurch Mendoza noch den Katholizismus der Objektwahl durchschimmern lässt. Liebhaber voyeuristischer torture porns dürften wenig Freude haben an den halbdunklen Bildern, auf denen nur schemenhaft zu erkennen ist, wie ein schwitzender Gesetzeshüter zum Gesetzesbrecher wird. Die unfassbare Stümperhaftigkeit der Killer spiegelt sich in der rauen, improvisiert wirkenden Machart des Films, der aber präzise durchdacht ist: Der Zuschauer identifiziert sich mit dem jungen Peping, doch der ist kein Peeping Tom. Seine erzwungene Zeugenschaft wird lesbar gemacht als Mischung aus Initiation und gewaltsamer Nötigung, durch die diese korrupten Männer-Clans ihre Machtstrukturen ausbauen. »Kinatay« ist ein Mafiafilm ohne Genreelemente; ein langer Film über das Töten, der dank unprätentiöser Bilder lange im Gedächtnis bleibt.

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