Kritik zu Jupiter's Moon

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Vieldeutig, abgehoben und doch nah an der Gegenwart: In Kornél Mundruczós neuem Film hebt ein syrischer Flüchtling beim Grenzübertritt nach Ungarn ab – und macht sich nicht nur symbolisch zur Erlöserfigur

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Das osteuropäische Kino ist in den vergangenen Jahren zu neuer Blüte gelangt. Ungarn leistet derzeit mit Regisseuren wie Ildikó Enyedi (»Körper und Seele«), László Nemes (»Son of Saul«) oder auch Kornél Mundruczó einen besonderen Beitrag zum Weltkino, der sich durch eine komplexe Metaphorik auszeichnet. Mundruczós neuer Spielfilm »Jupiter’s Moon« kann dafür als triftiges Beispiel gelten. Der beziehungsreiche Titel meint jenen unter den 67 bekannten Jupiter-Monden, der als Quelle von Leben infrage kommt und den Namen »Europa« trägt. Hier ist der Film auch angesiedelt, genauer: im Ungarn ­einer nicht näher bezeichneten nahen ­Zukunft. Zu Beginn geraten Flüchtlinge ins Bild, erst eingeschlossen in einem LKW, dann beim Versuch, nachts mit Booten über einen Fluss nach Ungarn zu gelangen. An der Grenze wird von Polizeikräften auf sie geschossen. Dabei wird der junge Syrer Aryan (Zsombor Jéger) mehrfach ­lebensgefährlich getroffen, erhebt sich aber wie durch ein Wunder und noch unter Schock, allein durch die Kraft seiner Gedanken in die Luft.

Diese Levitation wiederholt der Film – und nimmt die wundersame Handlung zum Anlass, die Verfasstheit der ungarischen Gesellschaft quasi beiläufig zu beschreiben. Allgegenwärtig herrschen Korruption und Eigennutz, Fremdenhass und Rassismus vor allem gegen Roma
und Migranten; wer es sich als Mitglied der Elite leisten kann, geht in die USA, denn »hier kann man nichts werden«. Der Arzt Gábor Stern (Merab Ninidze) wird diesbezüglich als zweite zentrale Figur eingeführt. Im Flüchtlingslager erfährt er von Aryans übernatürlichen Fähigkeiten und wittert ein Geschäft: Schon länger weist er Flüchtlinge gegen Bestechungsgeld in schützende Krankenhäuser ein und will nun Aryan verzweifelten, reichen Patienten als Beispiel einer Wunderheilung verkaufen. Nach einem Kunstfehler mit tödlichem Ausgang ist Stern in seinem Beruf geächtet; ein Verfahren ist anhängig, könnte aber niedergeschlagen werden, wenn sich der Arzt bei den Angehörigen des verstorbenen Patienten entschuldigen würde.

Das sind die Begriffe, in deren Spannungsfeld der Regisseur operiert: Verrat, Schuld, Vergebung, Erlösung, Läuterung. Dabei stellt sich bald die Frage, ob Aryan in Wirklichkeit ein Engel oder ein noch ­höheres Wesen ist. Eine permanente Fluchtbewegung strukturiert diesen mitunter atemlosen, in seiner Dringlichkeit sehr physischen Film voller Bilderfind­ungen (­Kamera: Marcell Rév): Während Aryan seinen Vater – einen Zimmermann! – sucht, den er bei der Flucht aus den Augen verlor, und Stern Vergebung, fahndet ein skrupelloser Polizist nach beiden: Einerseits will er die Morde an den Flüchtlingen beim illegalen Grenzübertritt vertuschen, andererseits den Zeugen eines Wunders, das nach Maßgabe seines korrupten Verstandes nicht sein darf, auslöschen. Er verleumdet die Erlöserfigur als Terroristen.

Was Deutungsmöglichkeiten anbelangt ist »Jupiter’s Moon« gewiss reich, aber bei weitem nicht beliebig. Am Ende stehen ­Opfer und eine Himmelfahrt, quasi auch als tradierte Metaphern des osteuropäischen Kinos.

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