Kritik zu Julia

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Eigentlich hätte Tilda Swinton ihren Oscar nicht für die Nebenrolle in »Michael Clayton«, sondern für diese One-Woman-Show verdient gehabt: eine Reise in die seelischen Abgründe einer Frau

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Julia (Tilda Swinton) hat sich für den Alkohol entschieden. Das spürt man schon bei den ersten, turbulenten Szenen in der Kneipe, die mit schalem Mundgeruch am Morgen danach ihr Ende finden. Die gerade noch vor Lebenslust sprühende, glänzend aussehende Julia wirkt verbraucht, missgelaunt, auch irgendwie schlampig, wenn sie sich vom Rücksitz irgendeines fremden Autos quält. Julia lebt in den Tag hinein, hat gerade wieder eine Stelle verloren, weil sie nicht regelmäßig zur Arbeit kam, kann sich nur noch auf ihren Sozialarbeiter Mitch verlassen, der auch noch heimlich in sie verliebt ist. Sie ist eben beides: hinreißend und abstoßend. In ihrer Verzweiflung lässt sie sich auf einen ganz besonderen Deal mit ihrer Nachbarin ein, die sie bei den anonymen Alkoholikern getroffen hat: ausgerechnet Kindesentführung. Allerdings soll hier ein 10-jähriger Junge seiner echten Mutter zugeführt werden – aber Julia will sich auch selbst bei dem Coup sanieren und verwickelt sich in eine komplexe Lösegeldstrategie.

In seiner ersten Hälfte entfaltet der Film ein turbulentes, ziemlich stimmiges Porträt seiner Protagonistin, die alle Register zieht und den Eindruck einer Borderline-Persönlichkeit hinterlässt, die sich nicht ernsthaft gegen das ihr zugefallene Leben zwischen Sucht und Niemandsland auflehnt. Ihre ganze verbliebene Kraft vergeudet sie an Zufallsbekanntschaften, die es nicht wert sind. Dass sie sich tatsächlich zu einer solchen Tat hinreißen lässt, diese auch mit der Waffe in der Hand und schwarzer Maske durchzieht, zeigt eigentlich nur das Endstadium ihrer Verzweiflung.

In der zweiten Hälfte verwandelt sich der Film in ein Roadmovie, irrt durch das amerikanisch-mexikanische Grenzland mit nächtlichen Wüstenexkursionen, um im Gewimmel von Tijuana zu landen und natürlich auch im erstbesten Bett. Dass Julia diese messerscharf ausgedachte Entführung mit gleich mehreren Fronten letztlich nicht mit dem gewünschten Erfolg durchführen kann, macht sie auch wieder sympathisch. Aber was bleibt?

Erick Zonca hat vor zehn Jahren einen zauberhaften Film »La vie rêvée des anges« mit Elodie Bouchez und Natacha Régnier gedreht, der seine Hauptdarstellerinnen ebenfalls an den Rand ihrer Kräfte trieb, aber seinen Ruhepol in einer wachsenden Freundschaft und der begrenzten Örtlichkeit von Lille gefunden hat. Julia, der stark an Cassavetes' »Gloria« erinnert, verbraucht sich in der Leidenschaft seiner Protagonistin und scheitert letztlich an einer völlig unausgewogenen Erzählhaltung, die auf mehrere Schlüsse zusteuert, aber einfach kein Ende finden will. Nach der Vorführung auf der Berlinale hatte man sich erhofft, dass der Film nochmals umgeschnitten und gekürzt würde. Für Tilda Swinton war es eine Wunschrolle und sie schwärmt von der Zusammenarbeit mit Zonca, der in seiner losen Regie sicher Ähnlichkeit mit dem unvergessenen Derek Jarman hat, dem allerdings kein vergleichweise utopisches Erzählpotenzial zur Verfügung steht. So bleibt »Julia« ein Triumph für Tilda Swinton – ihretwegen ist der Film unbedingt sehenswert.

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