Kritik zu Judgment – Grenze der Hoffnung

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Das Elend der Gegenwart und die Schatten der Vergangenheit: Stephan Komandarev erzählt von Schleusern an der bulgarisch-türkischen Grenze

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Tausende DDR-Bürger versuchten einst, über Bulgarien in die Türkei zu gelangen, in der Annahme, hier, in dünn besiedelter, wilder Berglandschaft, sei der Eiserne Vorhang leichter zu überwinden. Viele bezahlten mit ihrem Leben – denn auch hier galt der Schießbefehl. Heute sind es überwiegend Flüchtlinge aus Syrien, die auf der Flucht vor Krieg und Elend in die EU gelangen wollen. Auch für sie ein gefährliches Unterfangen, da Europa immer mehr zur Festung wird.

An dieser Grenze spielt die Koproduktion Judgment, deren Titel – recht hilflos eingedeutscht – für einen Felsen steht, der schon in der Antike Schauplatz grausiger Ereignisse war. Im Film ist es ein Schicksalsberg: Über seinen schmalen Grat verläuft jener Zaun, der die Welten trennt. Bevor der aber in den Blick rückt, skizziert Judgment das Leben Mitios (Assen Blatechki) und seines Sohnes Vasko (Ovanes Torovian) in einem Dorf ganz in der Nähe. Regisseur Stephan Komandarev, der mit Dokumentarfilmen bekannt wurde, beweist sein gutes Gespür für soziale Realitäten: Mitio gerät in materielle Not. Noch den Tod seiner Frau betrauernd, verliert er den Job. Bald droht der Verlust des Hauses, da er einen Kredit nicht zurückzahlen kann. Wenige Wochen bleiben ihm, um die Schuld zu begleichen – und Vasko, der noch die Schule besucht, macht ihm zudem Vorwürfe, dass er die Situation nicht in den Griff bekommt. Seine Verzweiflung treibt Mitio in die Arme des »Kapitan« (Miki Manojlovic, bekannt aus Filmen wie Underground und Irina Palm), seines ehemaligen Vorgesetzten bei den Grenzschützern in den 80er Jahren. War dieser früher ein fanatischer Verteidiger des Eisernen Vorhangs, organisiert er heute den illegalen Grenzverkehr. Für ihn soll Mitio Flüchtlinge durchs Grenzgebiet schleusen.

Leise und genau, mit spannenden visuellen Kontrasten zwischen dem kargen Dorfleben und der verschwenderischen Schönheit der Landschaft, schildert Komandarev Mitios Dilemma. Nicht nur das Elend der Flüchtlinge, auf die er keinerlei Rücksicht nehmen darf, sondern auch die Gefahr des Erwischtwerdens und die wachsenden Konflikte mit Vasko setzen ihm zu. Noch bedrängender sind die bösen Erinnerungen, die ihn bei den nächtlichen Schleusergängen heimsuchen und mit dem Kapitan und der gemeinsamen Vergangenheit verknüpft sind.

Die subtil-facettenreiche Gestaltung menschlicher Konstellationen, insbesondere des Vater-Sohn-Konflikts, und die Empathie, mit der Komandarev sich auch den Flüchtlingen widmet, obwohl sie nur Randfiguren des Plots sind, erinnern an die besten Beispiele des osteuropäischen Films. Auch die Spiegelung von früherer und heutiger Grenzsituation überzeugt. Schade nur, dass in der Engführung der Handlungslinien um Schuld, Verdrängung und späte Sühne dann aufdringlich eine Dramaturgie klappert, die zuvor so angenehm im Hintergrund wirkte. Die souveräne Zurückhaltung der Inszenierung zerschellt letztlich an einem Showdown mit seifiger Musik. Dennoch: Judgment ist ein bemerkenswerter Film über ein so aktuelles wie wichtiges Thema.

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