Kritik zu Jerichow

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Christian Petzold versteht es in seinem neuen Film einmal mehr, Melo- und Film-noir-Elemente mit einer Geschichte zu verbinden, die ganz deutscher Gegenwart verpflichtet ist

Bewertung: 5
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 2)

Kein anderer Filmemacher hat Deutschland so konsequent als Auto-Republik beschrieben wie Christian Petzold. Die Figuren in »Cuba Libre«, »Die innere Sicherheit« oder erst recht in »Wolfsburg« waren, wenn überhaupt irgendwo, in ihren Wagen zu Hause. Auto-Deutschland steckt nun in der Krise, und als ob Petzold das geahnt hätte, hat er den beiden Männern in seinem neuen Film ihre Fahrmöglichkeit genommen: Ali (Hilmi Sözer) hat keinen Führerschein mehr, weil er trinkt; und Thomas (Benno Fürmann) kann sich kein eigenes Auto leisten.

Es ist immer wieder verblüffend, wie empfindlich Petzold in seinen Filmen auf die soziale Landschaft Deutschlands reagiert. Fast schon prophetisch mutet sein Film »Yella« (2007) an, in dem er die Welt des Hochrisikokapitals als eine Phantomwelt beschrieb. Ähnlich hellsichtig erscheint nun die Entscheidung für den mehrfach verfilmten Roman »The Postman Always Rings Twice« von James M. Cain als Vorlage für seinen neuen Film. Das Original spielt während der Weltwirtschaftskrise 1930. Und auch Petzold erzählt in »Jerichow« davon, wie das Geld, vor allem, wo es fehlt, Beziehungen formt und deformiert.

Autos sind mobile Höhlen, die Menschen in dem Glauben wiegen können, die Welt jenseits der Windschutzscheibe ginge sie nichts an. Ein Crash zerstört eine solche Illusion – schon in »Wolfsburg« war Benno Fürmann ein Unfallfahrer. In »Jerichow« spielt er den ehemaligen Afghanistan-Kämpfer Thomas, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Viel Muskelmasse hat er dafür aufgebaut, Fürmanns körperliche Präsenz in diesem Film ist enorm. Sie macht die Leere, die diesen Mann umgibt, umso spürbarer. Thomas hat kein Geld, keine Freunde oder Familie. Seine Mutter ist gestorben, er hat ihr Haus geerbt und will es herrichten. Wie viele Petzold-Figuren hofft er auf eine zweite Chance im Leben.

Petzold hat den merkwürdigen Begriff »Heimat-Building« kreiert, um die Anstrengungen seiner Figuren zu beschreiben, den Kraftakt, das Nicht-Natürliche daran. Der am heftigsten sich abmühende »Heimat-Builder« in »Jerichow« ist Ali, ein türkischstämmiger Unternehmer. In dieser Gegend im dünn besiedelten Nordosten Deutschlands, wo es keine Arbeit gibt und die Menschen kein Geld haben, hat es Ali mit dem Betrieb von Imbissbuden zu einigem Wohlstand gebracht. Er hat sich im Wald eine Villa gebaut und die schöne Laura (Nina Hoss) geheiratet. Eine Erfolgsgeschichte also – oder nur das Schauspiel davon? Ali wird nervös, wenn er seine Frau auf dem Handy nicht erreicht. Und Laura, die Nina Hoss ohne jeden Glamour, sehr herb und mit der Bissigkeit eines kleinen Tieres spielt, wirkt nicht wie die Herrin des Hauses, eher wie Alis erste Angestellte.

Ein Beziehungsdreieck entsteht, als Ali Thomas als Fahrer einstellt, ihn gar zum Freund haben will, sich aber Laura und Thomas ineinander verlieben. Besonders pikant: In einer so »strukturschwachen« Gegend kommt der Verlust des Autos einer Entmannung gleich, die Ali und Thomas nur zusammen überwinden können. Wie Lauras und Thomas' Abhängigkeit von Alis Geld und dessen Abhängigkeit von den Gefühlen der anderen die Beziehungen der drei moduliert, wird von Petzold und seinen Darstellern präzise und mit zwingender Konsequenz vorgeführt. Während Ali etwa betrunken im Nebenraum schläft, liebt Thomas Laura, und noch der Ausbruch der Leidenschaft ist ein Unterdrücken von Gefühlen: Um nicht zu schreien, beißt Laura Thomas in die Hand.

Immer, immer geht es in diesem Film um Geld. Es formt Beziehungen ebenso wie die Landschaft – wo der profitträchtigste Standort für einen neuen Imbisswagen wäre, wird Thomas einmal von Ali gefragt. Geld lässt sich vielleicht eintauschen gegen Gefühle, mit Geld kann sich ein Mann möglicherweise ein Zuhause kaufen. Ali hat sein Leben lang dafür geschuftet, nun wacht er misstrauisch darüber, dass ihn niemand betrügt. Er gibt sich jovial, ist ein etwas schmieriger, gedrungener Typ, den Hilmi Sözer geschickt am Rande von Türkenklischees zu platzieren weiß: Wenn er seiner Frau durchs blond leuchtende Haar streicht – ist das Zärtlichkeit oder Besitzdenken? Und wenn er droht, einen betrügerischen Pächter zu »frittieren« – meint er das wörtlich? In den Ängsten, die diese Figur anspricht, lassen sich die Vorurteile ahnen, denen Ali in dieser Gegend begegnet.

Dass die Gastarbeiter, ihre Söhne und Enkel niemals richtig angekommen sind in Deutschland, nimmt Petzold als Ausgangspunkt für eine Tragödie. Die düstersten Momente darin finden sich im hellsten Tageslicht. Einmal fahren Ali, Thomas und Laura zusammen zu einem Picknick an die Ostsee, die in der Sommersonne aussieht wie das Mittelmeer. Ali tanzt sehnsüchtig und betrunken zu türkischer Musik. Wie Alexis Sorbas, witzelt Thomas, und Laura lacht über den grausamen Scherz. Ein Zuhause, das ist diesen unbarmherzig strahlenden Bildern anzusehen, werden die drei nicht mehr finden.

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