Kritik zu Janis: Little Girl Blue

© Arsenal Filmverleih

2015
Original-Titel: 
Janis: Little Girl Blue
Filmstart in Deutschland: 
14.01.2016
L: 
107 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die amerikanische Dokumentarfilmerin Amy J. Berg montiert aus reichem Archiv­material und Gesprächen mit überlebenden Zeitgenossen die Aufstieg-
und-Fall-Geschichte der »größten weißen Blues-Sängerin« Janis Joplin

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Janis Joplins Hexengelächter, ihre tief ins Herz zielende Reibeisenstimme, das wüste Shouting und zarte Grooven ihrer »kozmischen« Bluessongs ist 45 Jahre nach ihrem Tod – brutal eingetaktet in Werbe-Clips – scheinbar auf ewig in die Umlaufbahnen des Internets geschossen. »Janis: Little Girl « Blue, eine filmische Hommage der amerikanischen Dokumentarfilmerin Amy J. Berg, kommt nicht umhin, die bekannten Liveauftritte der »größten weißen Blues-Sängerin«, vor allem ihren von D. A. Pennebaker gefilmten Karrieredurchbruch beim Monterey International Pop Festival 1967, noch einmal zu kompilieren. Die zumeist ganz ausgespielten Stücke und beinahe alle der aufwendig recherchierten historischen Aufnahmen sind, wenn auch verpixelte, authentische Dokumente der kurzen, heftigen Karriere von Janis Joplin.

Und doch ist der für eine Serie des nichtkommerziellen Fernsehkanals PBS produzierte Film kein Konzertevent, auch kein Rückblick ins große Ganze der Love-&-Peace-Bewegung, zu deren Protesthaltung gegen den Vietnamkrieg, gegen Rassismus und Konformismus Janis Joplins unnachahmlicher Sound die Obertöne schuf. Amy Berg interessiert sich für die Person und ihre biografischen Ursprünge. »Janis: Little Girl Blue« geht den Spuren ihres Außenseitertums nach, sucht die Schmerzpunkte hinter dem Sex-&-Drugs-&-Rock-'n'-Roll-Klischee. Der Film stützt sich auf viele Privatfotos und Briefe, die Joplin an die Eltern und Geschwister schrieb. Zusammen mit den Statements ihrer Schwester und ihres Bruders rekonstruiert Berg die ungemütlichen Verhältnisse ihrer frühen Jugend in Texas, aus denen das unangepasste junge Mädchen in die Musikszene von San Francisco flüchtete.

1943 in der texanischen Ölstadt Port Arthur als Kind einer Mittelstandsfamilie geboren, eckte Janis Joplin an, weil sie als Kind nicht den Schönheitsnormen eines All-American-Girl entsprach und das vermeintliche Manko durch Temperament, typische Jungsspiele und heftige Ausbruchsversuche kompensierte. Sie hätte gern dazugehört. Ein halbes Jahr vor ihrem Drogentod freute sie sich in der Talkshow mit Dick Cavett auf ein Klassentreffen mit ihrem Highschool-Jahrgang in Texas, ein Interview danach lässt keinen Zweifel daran, dass die überdrehte junge Frau mit der wilden Mähne und dem bunten Federkopfschmuck ein peinlicher Fremdkörper im Kreis der etablierten Southerner geblieben war. »Janis: Little Girl Blue« reiht die Reminiszenzen ihrer smart gealterten ehemaligen Bandmitglieder, ihrer Tourmanager und eines Ex-Lovers zu einem wilden Ritt durch das Jahrzehnt ihres Erfolgs aneinander, bis Joplin mit erst 27 Jahren an einer Überdosis starb: zu viel Whisky und Heroin, zu viel Leere nach den rauschhaften Konzerten.

Weniger Material und eine ruhigere Gangart hätten diesem Talking-Heads- und Found-Footage-Film gutgetan. So bleibt ­»Janis: Litle Girl Blue« eine aus vorgefertigten Teilen montierte Aufstieg-und-Fall-Geschichte, in der die Verzweiflung zu einem morbiden Etikett umcodiert wird.

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