Kritik zu The Invite
In ihrer dritten Regiearbeit nach »Booksmart« und »Don’t Worry Darling« bringt Olivia Wilde frischen Wind in das bekannte komödiantische Konzept der gegensätzlichen Paare, die aufeinandertreffen.
Olivia Wilde trifft Oscar Wilde. Zum Einstieg in ihren Film The Invite versorgt die US-Filmemacherin das Publikum mit einer pointierten Einsicht des irischen Autors: »One should always be in love. That is the reason one should never marry.« Man sollte immer verliebt sein. Aus diesem Grund sollte man nie heiraten. Joe (Seth Rogen) und Angela (Wilde) sind verheiratet – und in der Ehekrise. Angelas Idee, die Nachbarn Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) von oben zum Essen einzuladen, stößt beim chronisch missgelaunten, physisch und psychisch verspannten Joe erwartbar auf meckernden Widerstand. Angela zeigt sich beeindruckt von den Orgasmen von Pina, deren Intensität sich akustisch offenbar durch Decken und Wände vermittelt. Joe, früher leidenschaftlicher Musiker, heute lustloser Musiklehrer in San Francisco, betrachtet den nachbarlichen Sex als Ruhestörung.
Wilde begibt sich mit ihrem dritten Kinofilm auf ein Terrain, das unter anderem Mike Nichols (»Wer hat Angst vor Virginia Woolf?«) und Roman Polanski (»Der Gott des Gemetzels«) erfolgreich beackert haben. Und natürlich Woody Allen. Wilde findet einen ganz eigenen Zugang zum Thema. Visuell erinnert der im 35-mm-Format gedrehte Film an Klassiker des Genres. Adam Newport-Berras Kamera erfasst subtil das anfängliche Abtasten, latente Spannungen und anspielungsreiche, zum Fremdschämen einladende Dialoge. Das Ensemble zeichnet mit lässiger Virtuosität fesselnde Figuren. Rogen hat seine darstellerische Mixtur aus mürrischem Nervensägentum, trockener Komik und schepperndem Lachen perfektioniert. Wildes Angela erscheint chronisch überfordert und destabilisiert durch eine unterforderte Libido. Die Gäste treten als vitale Gegenentwürfe auf. Cruz als auf Sexualforschung spezialisierte und therapeutisch übergriffige Psychiaterin ist verbal und körperlich eine Herausforderung für Joe und seine Frau. Norton verkörpert den ehemaligen Feuerwehrmann Dennis, der sich jetzt Hawk nennt. In sanfter Selbstverständlichkeit erläutert er die Details und Mechanismen von Sexpartys, die er und Pina betreuen oder besuchen. Sein naheliegender Vorschlag: Das könne man doch einmal miteinander versuchen, als Quartett oder in Zweierformation.
Olivia Wilde nutzt effektreich die pointenstiftenden Angebote des Drehbuchs von Will McCormack und Rashida Jones und lotet die darin enthaltene Tiefe aus. Es ist ein Abend der Offenbarungen. Die vier Figuren enthüllen sich, teils im konkreten und vor allem im übertragenen Sinn. Risse in den Beziehungen werden sichtbar, die Wunden erzwungener und lähmender Lebensentscheidungen sowie die Kraft unausgesprochener und unerfüllter Sehnsüchte. Pina und Hawk übernehmen dabei die Rolle von provokativen Impulsgebern. Die Balance zwischen Komik und Drama stimmt. In den atmosphärischen Rahmen fügt sich die Musik geschmeidig ein: mal kakophonisch die Konflikte spiegelnd, mal sinnlich aufgeladen. Bizets Carmen (»Si tu ne m’aimes pas, je t’aime«) und Sade (»By Your Side«) verfehlen ihre Wirkung nicht.




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