Kritik zu Innere Emigranten

© Mindjazz Pictures

2026
Original-Titel: 
Inner Emigrants
Filmstart in Deutschland: 
14.05.2026
L: 
93 Min
FSK: 
12

Drei ehrenamtliche Therapeuten betreiben in Russland eine Hotline für psychische Probleme, die infolge des Angriffskriegs gegen die Ukraine 
zunehmen.

Bewertung: 3
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Klar, auch Mörder haben psychische Probleme. Man kennt das Motiv aus der Komödie »Reine Nervensache«, in der Robert De Niro als Profikiller wegen Panikattacken einen Psychiater aufsucht. Doch in dieser Langzeitbeobachtung über ehrenamtliche Therapeuten, die seit Beginn des Angriffskriegs Telefondienst bei einer Moskauer Krisenhotline leisten, geht es nicht um fiktive Killer.

Einer der zu Wort kommenden Psychologen erinnert sich an einen Mann, »der tötet und foltert. Und der ausgerechnet darüber spricht, wie er eine gesunde Beziehung aufbauen möchte.« In langen Einstellungen hält der (aus Sicherheitsgründen nicht genannte) Kameramann solche Gespräche fest. Die Anrufer sind dabei nicht zu hören. Angesprochene Themen erschließen sich aus Rückfragen: »Das Einzige, was Sie in Ihrem Leben gut finden, ist Alkohol?« Es geht, so einer der Seelendoktoren, um »psychologische Beratung. Es ist keine Aufklärungsarbeit darüber, dass Menschen in einer totalitären Gesellschaft leben.« Das heißt: Auch für seelsorgerische Zwiegespräche gelten Sprachregeln. Der Überfall auf die Ukraine ist kein »Krieg«, sondern eine »Spezialoperation«.

Léna Karbe, 1986 in St. Petersburg geboren, arbeitete an ihrem Film über drei Jahre unter strenger Geheimhaltung. Zwischen therapeutischen Gesprächen begleitet die Kamera junge Psychologen durch verschneite Straßen und in der U-Bahn. Auf öffentlichen Plätzen ist Staatspropaganda allgegenwärtig: »Der Sieg wird unser sein.« Auch Polizei ist überall präsent. Gewiss, man hat die Freiheit, auf dem Roten Platz mit einem Plakat gegen den Krieg zu demonstrieren. Wer aufbegehrt, muss aber eine hohe Geldstrafe bezahlen. Ein Betrag, der in die Unterstützung jenes Kriegs fließt, gegen den man protestiert.

Unter diesen Umständen, so zeigt der Film, werden selbst Therapeuten mürbe. Das Land fördert jenes umfassende »Gefühl der Ohnmacht«, das die Psychologen eigentlich zu lindern versuchen. Aber auch bei ihrem geduldigen Zuhören, so dokumentiert der Film, stoßen die Gesprächstherapeuten an persönliche Grenzen. »Ich habe es nicht geschafft, aufrichtig mitzufühlen«, erklärt einer der Psychologen nach dem Gespräch mit einer Frau, die ihren Mann im Ukrainekrieg verlor und immer noch an Putins Propaganda glaubt. Es war, so der Therapeut, »als hätte ich jemandem gegen meinen Willen die Hand geschüttelt.«

Unterlegt mit düsteren elektronischen Klängen, entsteht ein kollektives Psychogramm der russischen Gesellschaft. Die »innere Emigration«, so der treffende Titel, skizziert eine Art seelischen Bunker. In ihn ziehen sich gefühlt alle Russen zurück, die nicht an den Mechanismen der Machtausübung partizipieren. Aus diesem Schutzraum überträgt der Film eine Botschaft in die Außenwelt. Formuliert wird sie von einer der zu Wort kommenden Therapeutinnen. Es ist der berühmte Schlusssatz aus dem Romanklassiker »Der Graf von Monte Christo«: »Alle menschliche Weisheit ist in diesen beiden Worten enthalten: Warte und hoffe.«

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