Kritik zu Ich reise allein

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Nicht als Jungfrau, sondern als Junggeselle kommt in dieser norwegischen Komödie ein Langzeitstudent überraschend zu einem Kind, genauer gesagt einer Tochter, die sein Leben naturgemäß durcheinanderbringt und in neue Bahnen leitet

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Sieben Jahre und neun Monate nach einem längst vergessenen One-Night-Stand flattert für Jarle (Rolf Kristian Larsen) ein Brief ins Haus, der ihn davon in Kenntnis setzt, dass aus einer flüchtigen sexuellen Begegnung eine Tochter hervorgegangen ist. In ein paar Tagen soll er das Kind am Flughafen abholen, weil die Mutter einmal eine Woche allein Urlaub machen will. Jarle ist gründlich entsetzt. Kinder gehörten nie zum Lebensentwurf des überzeugten Langzeitstudenten, der mit seiner Arbeit zu Marcel Proust in der Literaturwissenschaft groß rauskommen will. Seinen Lebensstil hat Jarle seit jener Fete vor sieben Jahren und neun Monaten nicht grundlegend verändert. Überquellende Aschenbecher und eine beeindruckende Altglassammlung zeugen von exzessiven Partyvergnügungen. Und dann kommt Lotte den Flughafenkorridor hinunter, ein Kuscheltier vor dem Bauch und Sommersprossen im Gesicht. Jeder würde sich in dieses Kind verlieben, aber nicht Jarle. Noch nicht.

Aus diesem »noch nicht« bastelt der norwegische Regisseur Stian Kristiansen eine Komödie, in der er die Angst des Mannes vor väterlicher Verantwortung auslotet. Obwohl es sich nur um eine siebentägige Urlaubsvertretung handeln soll, führt das Auftauchen der Tochter in eine existenzielle Sinnkrise, deren Ausgang in einem Happy End unvermeidlich ist. Punktuell unterhaltsam, aber über die ganze Filmlänge hinweg eher enervierend, wird hier der hindernisreiche Akzeptanzprozess in Szene gesetzt. Immerhin atmet der Film mit seinem stimmigen 90er-Jahre-Setting ein hohes Maß an Authentizität in Bezug auf den studentischen Lebensstil seiner Figuren, die als freigeistige Individualisten von der Veränderung, die mit dem Auftauchen des Mädchens einhergehen, vollkommen überfordert sind. Aber auch der Sinn für Milieudetails führt diese Geschichte, die sich mit turbulenter Langatmigkeit zu ihrer versöhnlichen Schlusswendung schleppt, nicht aus ihrer klischeehaften Anlage heraus.

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