Kritik zu Get: Der Prozess der Viviane Amsalem

© Salzgeber

2014
Original-Titel: 
Gett: Le procès de Viviane Amsalem
Filmstart in Deutschland: 
15.01.2015
Musik: 
V: 
L: 
115 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Nach 30 Jahren Ehe will sich Viviane Amsalem von ihrem Mann scheiden lassen, doch der willigt nicht ein. Ein Gerichtsdrama, in dem die Regisseure Ronit und Shlomi Elkabetz auch das Verhältnis zwischen orthodoxen und weltlichen Juden in Israel analysieren

Bewertung: 5
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

Der Prozess ist eine einzige Qual für Viviane Amsalem. Sie will nach Jahren der Trennung endlich die Scheidung von ihrem Mann Elisha. Doch als Frau steht sie vor dem Rabbinatsgericht nahezu auf verlorenem Posten. Wenn Elisha nicht einwilligt, wird sie die Get, den Scheidungsbrief, nicht erhalten. Und er willigt nicht ein. So schleppt sich das Verfahren Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr hin. Immer wieder muss Viviane vor die drei Richter treten und fortwährend um einen letzten Rest ihrer Würde kämpfen. Nach gut vier Jahren hält sie es nicht mehr aus. Die ganze Wut und Verzweiflung, die sich in ihr angestaut haben, platzen aus ihr heraus. Sie flucht auf das Gericht und verflucht ihre Richter.

Alles in Ronit und Shlomi Elkabetz’ Get – Der Prozess der Viviane Amsalem steuert auf diesen einen Ausbruch zu. Das nicht enden wollende Hin und Her zerrt an den Nerven aller Beteiligten. Aber erst in diesem Augenblick wird ausgesprochen, was die ganze Zeit über dem Verfahren schwebte: der Vorwurf einer geradezu absurden Ungerechtigkeit.

Wieder und wieder hatte sich der von Simon Abkarian gespielte Elisha über die Weisungen des Gerichts hinweggesetzt und war einfach nicht zu den Verhandlungsterminen erschienen. Also weist Viviane (Ronit Elkabetz) darauf hin, dass in den Vereinigten Staaten eine Ehe sofort geschieden wird, wenn einer der beiden Partner zweimal nicht vor Gericht erscheint. Doch in Israel ist das Eherecht eben noch Teil des religiösen Rechts, das den Erhalt der jüdischen Familie über alles stellt und dem Mann große Privilegien einräumt. Vor diesem Hintergrund ist die eher weltlich orientierte Viviane zu einer Gefangenen in einer Ehe geworden, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Die Welt jenseits des kleinen, rein funktional eingerichteten Gerichtssaals blenden Ronit und Shlomi Elkabetz konsequent aus. Alles dreht sich ausschließlich um den Prozess und die beiden Positionen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Aber der Riss, der durch diese Ehe eines orthodoxen, sich an die überlieferten Gesetze haltenden Juden und seiner nicht religiösen Frau geht, reicht noch viel tiefer. Der Gerichtssaal ist tatsächlich die ganze Welt. Ein Mikrokosmos, in dem die alltäglichen Spannungen und Widersprüche eines Landes nachhallen und sich mehr und mehr verstärken.

Vivianes Schreie im Gerichtssaal sind auch ein Ruf nach mehr Freiheit und einem anderen Israel, in den die beiden Filmemacher einstimmen. Ronit und Shlomi Elkabetz’ Haltung in diesem Konflikt steht außer Frage. Trotzdem ist Get keineswegs parteiisch. Die Elkabetz-Geschwister geben sich vielmehr die größte Mühe, jeder Seite gerecht zu werden. So bleibt Jeanne Lapoiries Kamera immer auf Augenhöhe der Beteiligten. Jede Einstellung korrespondiert mit den Blicken der unterschiedlichen Parteien.

Mal sieht Viviane zu ihrem Mann her­über, mal blickt sie auf die drei Richter. Dann wieder blickt Elisha zu Vivianes Anwalt Carmel (Menashe Noy) oder seinem Bruder Shimon (Sasson Gabai), der ihn vertritt. Hier gibt es keine privilegierte Perspektive. Selbst die Richter, die leicht erhöht sitzen, sind Teil dieses hochkomplexen Geflechts, das sich kaum entwirren lässt. Alle hier sind verstrickt und damit in der Situation gefangen. Die Kamera löst konsequent sämtliche Hierarchien auf. Was bleibt, sind die Nah- und Großaufnahmen von Ronit Elkabetz’ Tränen und von Simon Abkarians nahezu regungslosen Gesichtszügen. Und eben diese Bilder entwickeln eine ungeheuere Wucht, ganz ähnlich wie einst die perfekt komponierten Großaufnahmen in Carl Theodor Dreyers Die Passion der Jungfrau von Orléans. Vivianes Kampf um ihre Freiheit ist eine andere, eine moderne Passionsgeschichte. Am Ende schließen sich die Türen des Gerichtssaals hinter Viviane und Elisha. Die Welt versinkt im Dunkel einer Schwarzblende. Ein Opfer ihrerseits bringt einen Hauch von Freiheit, aber ein Entkommen gibt es nicht. Einmal äußert der Oberste der Richter den klassisch jüdischen, aber auch zutiefst kafkaesken Gedanken, dass jeder vor Gericht steht, und daran wird sich kaum jemals etwas ändern.

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