Kritik zu Free Solo

© Capelight Pictures

Der Dokumentarfilm über die erste Durchsteigung der El Capitan-Felswand ohne jedes Hilfsmittel konzentriert sich weniger auf das Höhenspektakel als vielmehr auf die Persönlichkeit des Kletterers, der solche Risiken eingeht

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Das Schöne an »Free Solo« ist natürlich, dass man von vornherein weiß, wie es ausgeht: Alex Honnold wird es schaffen. Er wird den majestätischen Granitfelsen, der vom Boden des Yosemite-Nationalparks in Kalifornien etwa 1.000 Meter vertikal in die Höhe ragt, hinaufklettern, ganz ohne Hilfsmittel, mit nichts als seinen bloßen Händen und einem Beutelchen voller Talkumpuder. Und die Kameras werden dabei sein, so dass wir, die Kinozuschauer, Zeugen werden können. Jeder andere Ausgang wäre unvorstellbar. Würde ein Film weltweit ins Kino kommen und gar für einen Oscar nominiert werden, der mit dem Misslingen des Unternehmens endet, in dessen Dokumentation bereits erhebliche Produktionsgelder flossen? Vor allem, da ein Misslingen in diesem Fall gleichbedeutend wäre mit dem Tod des Protagonisten?

Man kann den Unterschied zwischen Bergsteigen und Freikletterei auch so erklären: wenn der Freeclimber stürzt, ist er tot. Und es ist dieses Risiko, das den Sport interessant macht. Denn mit ihm werden keine unerreichten Territorien erforscht – die Klippe des EL Capitan kann man schließlich auch auf einem bequemen Wanderweg erreichen. Der Sport selbst ist auch nicht besonders spektakulär, besteht die Kunst seiner Ausübung doch in einer Fülle an Miniaturbewegungen wie ein Zweifingergriff, mit dem man sich um zwanzig Zentimeter nach oben zieht. Wenn es nicht tausend Meter in die Tiefe ginge, würden solche Fingerübungen weniger beeindrucken.

Der Dokumentarfilm von Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi, die selbst begeisterte Kletterer sind, ist wie eine gewöhnliche Heldenerzählung angelegt. Alex Honnold wird vorgestellt, man beobachtet ihn bei seinen Vorbereitungen, Eltern, Freunde, die Freundin kommen zu Wort, es gibt Rückschläge, die aber natürlich auch wieder überwunden werden. Was »Free Solo« jedoch viel einprägsamer macht als vergleichbare Bergsteigerdokus, ist die Vielgestalt der Probleme, die hier wie beiläufig zur Sprache kommen. So geht es nicht nur um die Bezwingung der Felswand – obwohl allein das eine faszinierende Doku ergeben hätte: in vielen Probeaufstiegen erkundet Alex mit Seil seine Strecke, vermerkt und ertastet jeden Felsvorsprung und übt schließlich die Passage wie einen minutiös durchchoreographierten Tanz. Doch mehr als diese sportlich-technischen Momente rücken die Filmemacher die Frage nach der Person Alex ins Zentrum: Wie entschlossen, wie stur, wie zielstrebig und damit auch: Wie rücksichtslos muss jemand sein, der auf diese Weise sein Leben riskiert? Ohne ihren Kletterkollegen und Freund zum »Fall« zu erklären, gelingt den Filmemachern das Porträt einer außergewöhnlichen Persönlichkeit, die keinesfalls nur angenehme Seiten hat. Und sie sprechen offen auch das eigene Dilemma an: Wie beeinflusst die Anwesenheit der Kameras Alex' Kletterei? Treiben sie ihn etwa zu mehr Risiko an? Wenn etwas passiert vor der Kamera, werden sie ihn weiterfilmen? »Ich will ihn nicht sterben sehen!«, sagt Jimmy Chin, aber wegschauen will er eben auch nicht.

Meinung zum Thema

Kommentare

Alex Honnold hat nicht frei geklettert er hat free solo gemacht. Beim frei klettern ist man noch gesichert es wird nur ohne technische Hilfe gemacht. Also nächstes mal bitte besser recherchieren.

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