Kritik zu The Forbidden Room

Trailer englisch © Soda Pictures

Guy Maddin setzt dem frühen Stummfilmkino ein filmisches Denkmal, indem er die Genres der damaligen Epoche in liebevoller Nachempfindung zu einem halluzinösen Trip montiert

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Hinter seiner artifiziellen Patina aus Kratzern, Rissen und Farbflecken erzählt Guy Maddins »The Forbidden Room« von der Vergänglichkeit der Filmgeschichte. Die Bilder springen und zucken, als quäle sich ein ramponierter Filmstreifen durch einen alten Projektor. Farben pulsieren, flackern, fließen, manchmal explodieren sie förmlich wie der Sonnenuntergang über einer verwunschenen Vulkaninsel. Auf gespenstische Weise scheinen die Bilder ein Eigenleben zu entwickeln: Konturen lösen sich auf, Menschen metastasieren, verschmelzen miteinander oder tauchen wie von Geisterhand aus dem Nichts auf. Die Flüchtigkeit des analogen Filmmaterials, anfällig für den langsamen Verfall durch chemische Prozesse, ist eine schöne Metapher für Maddins phantasmagorisches Hypnosekino, das sich an der Grenze von Wach- und Traumzuständen bewegt. Die Kunstszene erinnert sich gerade wieder an die materiellen Qualitäten des analogen Kinos, just in dem Moment, als es endgültig zu verschwinden droht. Maddin pflegt diese Obsession seit über 30 Jahren, auch wenn er inzwischen selbst mit einer Digitalkamera dreht.

In seiner Rekonstruktion einer Vergangenheit, die sich vor unseren Augen auflöst, ist »The Forbidden Room« trotz Maddins bizarren Humors ein melancholischer Film. Diesmal widmet er seine Hommage an das frühe Kino keinem Genre, sondern einem ganzen »Œu­v­re«: den »verlorenen Filmen« der Stummfilmära, die nach Schätzungen nur 20 Prozent aller Produktionen überlebt haben. »The Forbidden Room« hat keine fortlaufende Handlung, er besteht aus kurzen Vignetten, die Genres des Stummfilmkinos und des frühen Tonfilms nachempfunden sind. Auf einem havarierten U-Boot erscheint ein Jäger, eine Gruppe von Wolfsmännern veranstaltet in den Wäldern von Schleswig-Holstein eine »Olympiade« um die Gunst einer Frau, Udo Kier wird zum Serial Killer, und ein Fake-Lehrfilm referiert die Kulturgeschichte des Badens. Die schöne Margot, erklärt eine Texttafel, entwischt den Wolfsmännern »durch den Eingang eines Traumes«, und so ähnlich muss man sich auch »The Forbidden Room« vorstellen, der die seltsamsten dramaturgischen Wurmlöcher benutzt, um zwischen den Segmenten zu wechseln.

Maddin hat sich offenbar sehr genau Gustav Deutschs »Film ist.«-Projekt und Bill Morrisons Found-Footage-Collage »Decasia« angesehen, die der Schönheit des chemischen Verfalls ein filmisches Denkmal setzen. »The Forbidden Room« simuliert den Farbrausch des sich auflösenden Materials mit einem unnachahmlichen Sinn für die physische Fragilität des analogen Films. Keiner versteht es wie Maddin, die Sehnsucht nach einer reinen Form des Kinos zu bedienen und gleichzeitig aus dem Fundus der Filmgeschichte eine eigene Interpretation der Vergangenheit zu imaginieren. Man vermisst ein wenig den roten Faden in diesem höheren Unsinn, und die vielen Sprünge sind auf Dauer ermüdend. Wer mit Guy Maddin bisher wenig anfangen konnte, wird auch von »The Forbidden Room« nicht bekehrt werden. Aber visuell ist es Maddins bislang aufwendigster und originellster Film.

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