Kritik zu Eine Geschichte von drei Schwestern

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Weniger eine Geschichte als eine Konfliktlage: Aus der Stadt zurückgekehrt  ins abgelegene Heimatdorf, vermehren drei Töchter die Sorgen ihres Vaters

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Der Film beginnt mit einer Fahrt durch die Berge; gleich in einer der ersten Einstellungen scheint das Auto gegen eine Felswand zu steuern, doch dann öffnet sich der Horizont und über den Pass geht die Fahrt hinunter in ein Tal, in dem einige Gehöfte liegen und nicht mehr viele Menschen leben. Die Herbstsonne lässt die Landschaft golden erstrahlen, das Panorama, das vor einem liegt, ist von ungeheurer Schönheit, doch das Mädchen im Auto hat Tränen in den Augen.

Emin Alper, 1974 in Ermenek, Zentral­anatolien, geborener Filmemacher, hält nicht viel davon, sein Publikum bei der Hand zu nehmen. Er pfeift auf Exposition und wirft es mitten hinein in eine offenbar bereits seit längerem bestehende problematische Lage, die sich nunmehr zuspitzt. Und dass eine schöne Landschaft mit einem schönen Leben rein gar nichts zu tun hat, ist eine der eher beiläufigen Erkenntnisse, die die Geschichte der drei Schwestern Reyhan, Nurhan und Havva bereithält. Der verwitwete Vater hatte die drei als Hausmädchen in die Stadt geschickt, um ihre Chancen zu verbessern und damit sie zumindest Lesen und Schreiben lernen. Doch die 20-jährige Reyhan kam alsbald schwanger zurück und wurde eilig mit dem Dorfhirten Veysel verheiratet. Nun kehren, aus unterschiedlichen Gründen, auch die 16-jährige Nurhan und die 13-jährige Havva heim zum Vater, der ob dieses Unglücks hadert und zetert. Was soll nun aus den Mädchen werden? Was tun?

Im Verlaufe eines Nachmittags, der Nacht und dem Morgen des folgenden Tages ergibt sich aus einer Reihe von Gesprächen, Auseinandersetzungen, Raki-befeuerten Streitigkeiten und resultierenden tragischen Ereignissen ein vielschichtiges Bild der sozialen Strukturen in der abgelegenen Region. Nicht nur die familiären Beziehungen, auch die gesellschaftlichen Verhältnisse werden aufgefächert – und bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die Macht und die Schuld nicht so ebenmäßig verteilt sind, wie zunächst angenommen. Denn weder fehlt es den Schwestern an Temperament noch den Männern an Sentiment – und vice versa; also ist an Gefühlsausbrüchen und großen Szenen kein Mangel. Dabei wird dann auch kein Blatt vor den Mund genommen und an den Konventionen, die die fein abgestimmten Hierarchien regeln, beständig quietschend entlanggeschrammt. Ohne doch das Gebäude, das aus Sicht der drei Schwestern eher einem Gefängnis gleichkommt, ernsthaft ins Wanken zu bringen; immerhin bebt es an so mancher Stelle des öfteren gehörig.

Der zweite Teil des Films handelt, wiederum zeitlich verdichtet, im Winter. Das Dorf ist eingeschneit, der Pass unpassierbar, die Wolken hängen tief – so, wie die Konturen sich in Schemen auflösen, lösen sich auch die entwickelten Konflikte auf, allerdings nicht in Wohlgefallen. Denn wie zu Beginn vertraut Alper, der hier ein eigenes Drehbuch in Szene setzt, auch am Ende auf die Bereitschaft des Publikums, seiner offenen Inszenierungsweise zu folgen; der Vater hebt an, seinen drei Mädchen eine Geschichte über drei undankbare Töchter zu erzählen – wie mag sie wohl ausgehen?

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