Kritik zu Dügün – Hochzeit auf Türkisch

© Real Fiction Filmverleih

2015
Original-Titel: 
Dügün – Hochzeit auf Türkisch
Filmstart in Deutschland: 
08.09.2016
Musik: 
L: 
89 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Pauken und Trompeten: Die Regisseure Marcel Kolvenbach und Ayse Kalmaz dokumentieren die vielen Vorgänge rund um das Ritual der türkischen Hochzeiten in Deutschland

Bewertung: 3
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Eine türkische Hochzeit? Kennt man ja eigentlich aus dem Kino. In diesem Dokumentarfilm geht es aber nicht wie üblich um Klamauk unterm Halbmond. Marcel Kolvenbach und Ayse Kalmaz führen vor Augen, was eine türkische Hochzeit konkret bedeutet. Dazu entführen die beiden den Zuschauer nach Marxloh im Ruhrgebiet, wo nach der Schließung der Zechen ein anderer Wirtschaftszweig floriert: Mehr als 40 Brautmodengeschäfte zählt Duisburgs Multikulti-Problemvorort inzwischen.

Der Film begleitet Bräute bei der Anprobe, lauscht ihrem Tratsch beim Frisör. Die Dramaturgie folgt der Logik des Events. Je näher der große Tag rückt, desto nervöser werden alle Beteiligten. Besonders die Braut. »Manche werden ohnmächtig«, erklärt die Schneiderin. Nach und nach wird deutlich, an welchen Standards sich eine türkische Hochzeit abarbeitet. Von den Baiser-Kleidern bis zu fabrikhallengroßen Festsälen mit orientalischen Dekors wird ein Programm durchgespielt. »Dügün« – so heißt auch das Hochglanz-Weddingstyle-Magazin, in dem ein professioneller Hochzeitsorganisator Vorschläge für die standesgemäße Durchführung des Ritus unterbreitet.

Selten wurden die ungeschriebenen Gesetze und Zwänge einer türkischen Hochzeit so detailreich vorgeführt. Kopftuch, Ehrenmord, Parallelgesellschaft und Zwangsehen? Nun ja, der Film versucht, sich locker zu machen. Eines der beobachteten Paare feiert erklärtermaßen eine Liebeshochzeit. Und eine der gezeigten Vermählungen findet sogar zwischen einem Türken und einer Spanierin statt. Dass auch verheiratete türkische Frauen selbstständig ihr Geld verdienen, wird von den zu Wort kommenden Männern nicht mehr rundweg abgelehnt. Da unangenehme Themen nicht angesprochen werden, entsteht ein liebenswerter Eindruck. Die gezeigte türkische Community, so der Tenor des Films, mag etwas schrullig anmuten, ist aber in der deutschen Gesellschaft irgendwie angekommen.

Nur indirekt deuten die beiden Dokumentaristen die Kehrseite dieser frenetischen Inszenierung an. Eine türkische Hochzeit mit Pauken und Trompeten: Das bedeutet nicht nur Amüsement, sondern auch die Institutionalisierung eines spezifischen Gruppenzwangs. Wer weniger als 1000 Gäste einlädt, ist gesellschaftlich unten durch. Rechnet man diese Anzahl hoch, dann wird schnell klar, dass Türken durch Einladungen und Gegeneinladungen häufig bei solchen Events anwesend sind. Dabei beäugen und kontrollieren sich alle gegenseitig: Hochzeit als ­Pa­n­­­­optikum. Die Anwesenheit der Kamera fügt sich hier nahtlos ein, denn: »Unser Leben ist ein Theater«, sagt einer der Väter am Rande. »Wir alle befinden uns irgendwie auf der Bühne.« Den problematischen Inhalt dieses türkischen »Theaterstücks« macht der Film nur indirekt sichtbar. Die beiden Dokumentaristen sind geladene Hochzeitsgäste, die sich zu benehmen wissen. Durch die Ausrichtung eines solchen Festes, so viel wird aber klar, schwört jedes Brautpaar sich auf einen eng umrissenen kulturellen Kontext ein. Diesen kritisiert der Film nicht direkt, macht ihn aber nebenbei lesbar.

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