Kritik zu Die Standesbeamtin

© Schwarz-Weiss Filmverleih

Nach »Die Herbstzeitlosen« schickt sich mit »Die Standesbeamtin« eine weitere Schweizer Komödie an, die Landesgrenzen zu überwinden. Sollte klappen, denn der Zweitling von Micha Lewinsky lässt alte Genreformeln neu und frisch aussehen

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Wenn die Standesbeamtin Rahel Hubli in ihrer offiziellen Amtshandlung strahlenden Brautpaaren aufmunternde Worte über die Ehe mitgeben soll, verirrt sie sich in den Metaphern. Unversehens gerät sie vom stürmischen Ozean, durch den Eheleute ihr Schiff steuern, in trübe Tümpel – ganz so wie sie selbst in ihrer unglücklichen Ehe. Doch die Bezeichnung »Leichenbittermiene« wäre schon zu hoch gegriffen für ihr verschlossenes Gesicht, das sie zum Ärger des bünzligen Chefs ihren Klienten präsentiert. Understatement ist hier erste Bürgerpflicht, und so gut wie nie lassen sich die Beteiligten dieser Romanze zu theatralischen Gefühlsausbrüchen hinreißen. Es sei denn, sie sind Deutsche oder gar Berliner, wie die Verlobte von Rahels Jugendliebe Ben, den die Standesbeamtin zufällig wiedertrifft. Tinka, eine prominente Schauspielerin, und Ben, ein unter Kreativ-Blockade leidender, einst erfolgreicher Mundartsänger, wollen heiraten. Die Deutsche, die alles Eidgenössische total niedlich findet, will, dass Rahel die Zeremonie vornimmt. Tinkas Wunsch ist entweder durchtrieben oder unentschuldbar dämlich, denn dass zwischen den beiden Jugendfreunden und ehemaligen Band-Kollegen die Luft brennt, ist trotz aller Zurückhaltung offensichtlich. Die Figur der, und das heißt hier nicht zu viel zu verraten, verlassenen Verlobten ist der einzige auffallende dramaturgische Makel dieser Komödie: die leicht überspannte Rivalin ist kein ernstzunehmendes Match für Rahel Hubli.

Zugegebenermaßen aber empfindet man als deutscher Zuschauer die lauschige Kleinstadtidylle (gefilmt hauptsächlich im Aargauer Städtchen Bremgarten), die aussieht wie die Umgebung einer Modelleisenbahn, so ähnlich wie Tinka. Doch gerade das aufgeräumte Lokalkolorit und der in homöopathischer Dosis schwingende Charme des verhinderten Liebespaares machen den Reiz dieser dezenten Komödie aus, in der sich nicht nur die Langsamkeit wiederentdecken lässt. Liebeserklärungen werden in Gesang ausgelagert, das Pathos des L-Wortes überhaupt wird weitgehend vermieden. Und wenn Rahel das wahre Ausmaß ihres Ehe-Elends erkennt und sich Ben annähert, erscheinen kleinere Temperamentsausbrüche als Ereignis. Standard-Slapstick à la Torten werfen wirkt dank der untertourigen Inszenierung wie gerade erfunden, Nebendarsteller sorgen für ultrabeiläufige Running Gags. Und der Ausdruck »Burnout« blitzt im schwyzerdütschen Dialog wie ein Donnerschlag von einer Pointe auf.

Regisseur Micha Lewinsky, dessen Debüt »Der Freund« 2008 für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, zählt zu den Stars der im Aufschwung befindlichen Schweizer Filmszene, die zuletzt etwa mit »Die Herbstzeitlosen« einen so herzigen wie erfolgreichen Film hervorbrachte. Auch dieses Mal könnte das Klein-Klein einer ästhetisch eher für den Bildschirm bestimmten Komödie letztlich fade werden, hätte Lewinsky nicht zwei Hauptdarsteller parat, die der Romanze zusätzlich Authentizität verleihen. Neben Dominique Jann als attraktiver, handzahmer Bohemien ist besonders Marie Leuenberger, bisher als Theaterschauspielerin bekannt, eine hinreißend aparte Person. Ihr verhaltenes Charisma erleuchtet, quasi von hinten durch die Brust ins Auge, jede Szene und sorgt dafür, dass die Komödie ein bisschen mehr als nur niedlich ist.

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