Kritik zu Die singende Stadt

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»Kraftwerk der Gefühle« nannte Alexander Kluge die Opernhäuser. Der Dokumentarfilm von Vadim Jendreyko gibt Einblicke in die Mechanik dieses Wunders

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Endzeit, Endspiel. Zwischen Zivilisationstrümmern und ausgebrannten Wäldern irrt eine nackte Schwangere umher, Menschen kauern in Erdlöchern: Es herrscht großer Erlösungsbedarf in der »Parsifal«-Inszenierung des spanischen Regisseurs Calixto Bieito an der Stuttgarter Staatsoper im Jahr 2010.

Der Schweizer Filmemacher Vadim Jendreyko, zuletzt mit der Dokumentation »Die Frau mit den fünf Elefanten«, einem Porträt der Dostojewski-Übersetzerin Svetlana Geier, im Kino erfolgreich, begleitete die Produktion ein Jahr lang. Entstanden ist dabei aber kein Making-of, sondern ein Blick in das Innenleben eines der bedeutendsten deutschen Opernhäuser der letzten Jahre. Obwohl Bieitos »Parsifal« nur eine Art roter Faden ist, der den Film durch die verschiedensten Abteilungen des Hauses führt, scheinen doch immer wieder Konflikte auf, die besonders die Produktionen des so gefeierten wie gefürchteten Regieberserkers begleiten: Andrew Richards, Sänger des Titelhelden, merkt an, dass Wagners Musik hier allzu extrem gegen den Strich gebürstet werde, Stephen Milling als Gurnemanz klagt über den dichten Bühnennebel, der seine Bassstimme beeinträchtigte. Bassbariton Gregg Baker kämpft dagegen nur mit den Tücken der deutschen Umlaute: »Lasst ihn unenthüllt!« Spricht sein Amfortas hier vom Heiligen Gral, so meinen die Sängerinnen vom Chor ganz weltlich ihren Körper, den der Regisseur einzig mit durchsichtigen Plastikbahnen verhüllt sehen möchte. Man einigt sich auf einen hautfarbenen Anzug darunter.

Spannend ist vor allem, wie sich das disparate, für den Außenstehenden meist chaotisch erscheinende Geschehen – in Werkstätten, auf Probebühnen, im Orchestergraben oder anderswo in dem riesigen Apparat – schließlich zu einem homogenen Gesamtkunstwerk zusammenfügt, das man in einer solchen Unmittelbarkeit und Intensität nur in einem Opernhaus erleben kann. Der kommentarlose Film präsentiert das alles unterhaltsam und informativ – und doch hätte man gern noch mehr über Bieitos Arbeit und sein Regiekonzept erfahren.

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