Kritik zu Die perfekte Kandidatin

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Haifaa Al Mansour erzählt in ihrem neuen Film vom Willen zum politischen Engagement, aber mehr noch vom Privatleben dreier Schwestern und ihres verwitweten Vaters

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Mit »Das Mädchen Wadjda« erwarb sich die Regisseurin Haifaa Al Mansour 2012 auf Anhieb einen internationalen Namen: der erste Spielfilm, der komplett in Saudi-Arabien gedreht wurde, und ebenso der erste, bei dem eine saudi-arabische Frau Regie führte. Dazu noch erzählte »Wadjda« eine »Ermächtigungsgeschichte« vom Aufwachsen eines Mädchens, das sich mit der für Frauen in Saudi-Arabien vorgesehenen Zurücksetzung und Einengung der Bewegungsräume nicht abfinden wollte. Und das Allerschönste daran war, dass der Film das nicht auf plakative Weise tat, sondern mit einem Gespür sowohl für die Verwurzelung des Mädchens in der Tradition als auch für die Beharrungskräfte eben dieser Tradition. 

Genau dieser Respekt für die bestehenden Verhältnisse, die dem westlichen Zuschauer zwar oft geradezu absurd vorkommen, in denen sich die Protagonisten aber vollkommen versiert bewegen, zeichnet auch Al Mansours neuen Film aus. Hier spielt Mila Al Zahrani die junge Ärztin Maryam, die es zwar einerseits zu einem angesehenen Beruf gebracht hat, andererseits aber an ihrem Arbeitsplatz, einem Krankenhaus, die härteste Form des Sexismus erleben muss. Nicht nur, dass man ständig an ihr vorbei nach einem richtigen Arzt verlangt, ein alter Mann möchte sich von ihr gleich gar nicht behandeln lassen. Solche Erlebnisse frustrieren die junge Frau, die sich andererseits aber auch ganz gut durchsetzen kann. Dann aber bringen zwei Erlebnisse das Fass zum Überlaufen: Zum einen ist da die Straße vor ihrem Krankenhaus, die seit Jahren asphaltiert werden müsste und das Heranfahren der Krankenwägen erschwert, andererseits ist da die Geschichte mit ihrem Pass, den sie nur bekommt, wenn der Vater unterschreibt. Der aber ist auf einer Konzert­reise, also muss sie beim nächsten männlichen Verwandten vorsprechen und dann ist die Konferenz, zu der sie eigentlich fliegen wollte, auch schon zu Ende. Maryam hat die Schnauze voll und will etwas tun, vor allem für die Straße. Und so stellt sie sich bei der nächsten Kommunalwahl als Kandidatin auf.

Was folgt, ist leider etwas zu sehr nach den bewährten Mustern des Feelgood-Kinos gedreht, mit seiner Taktung aus Rückschlägen und Missgeschicken, die dann in recht vorhersehbarer Weise überwunden werden müssen. Aber die Vorhersehbarkeit wird mehr als ausgeglichen durch den Blick in eine versteckte Welt, den der Film gleichzeitig auf exquisite Weise gewährt. Außen, auf den Straßen, bieten Land und Leute ein sehr homogenes, ja, uniformes Bild mit den schwarz verhüllten Frauen und den nicht weniger gleichgeschaltet in weiße Qamis gehüllten Männern. Aber sobald die Innenräume betreten werden, wird alles auf bunte Weise lebendig und vielfältig. Das beginnt bei Maryam und ihren zwei Schwestern, die alle noch mit dem verwitweten Vater, einem Musiker, zusammenleben und unterschiedlicher nicht sein könnten. Und endet längst nicht bei den Konzerten, die der Vater mit seiner Band gibt, bei der ein sichtlich nach emotionalen Erlebnissen gierendes, saudi-arabisches Publikum förmlich in Ekstase gerät.

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