Kritik zu Die abhandene Welt

© Concorde

2015
Original-Titel: 
Die abhandene Welt
Filmstart in Deutschland: 
07.05.2015
L: 
101 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Schatten der Vergangenheit sind auch in diesem Film das Thema von Margarethe von Trotta: Eine junge Frau findet nach dem Tod der Mutter deren Doppelgängerin – und entdeckt eine Vergangenheit, von der sie nichts wusste

Bewertung: 3
Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 2)

Nach dem Tod seiner Frau sieht Paul (Matthias Habich) zufällig das Foto einer amerikanischen Opernsängerin (Barbara Sukowa) im Internet, die seiner Frau zum Verwechseln ähnlich sieht. Auch seine Tochter Sophie (Katja Riemann) ist irritiert. Um zu klären, ob hinter der reinen Ähnlichkeit noch mehr steckt, fliegt sie nach Amerika und trifft die fremde Frau, die sich ihr zunächst divenhaft verweigert. Doch schließlich wird auch sie von der Neugier auf die eigene Geschichte überwältigt und führt Sophie zu einer Frau, die zwischen Demenz und momentaner Klarheit helfen kann zu verstehen, was vor vielen Jahren passiert ist. Als Sophie dann zu ihrem Vater zurückkehrt, hat sie zwar eine Schwester gefunden, er jedoch keine Tochter. Die Fallstricke der Genealogie sind hier überraschend und halten gleich mehrere kleine Dramen bereit.

In Die abhandene Welt verbindet Margarethe von Trotta zwei ihrer vorrangigen Themen. Die Suche nach den Wurzeln, der Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und das Doppelgängermotiv, das die Uneindeutigkeit der Existenz betont. Beide Themen hat sie bereits mit Katja Riemann besetzt, die Vergangenheitsbewältigung in dem sehr gelungenen Film Rosenstrasse und das Doppelgängertum in dem weniger gelungenen Film Ich bin die Andere. Schon damals hatte sie ihre Figur aus dem wohlvertrauten Raum der Heimat herausgeführt und sie spüren lassen, dass die Welt nicht beherrschbar sein kann. Diese Verunsicherung ist ihr wichtig. Auch hier. »Wer sagt denn«, schreibt Handke, »dass die Welt schon entdeckt ist.« Sophie bewegt sich selbstbewusst durch die fremden Straßen New Yorks, das Labyrinth ist ihre eigene Geschichte. Denn nicht die fremde Kultur ist die Quelle der Verunsicherung, in der Fremde findet sie vielmehr das Zentrum dessen, was ihre eigene Individualität ausmacht. Die Familienbande, die Frage nach der biologischen Vaterschaft und der gesellschaftlichen Rolle des Vaters, kollidieren in diesem Film, und am Schluss wird aus der vermeintlich heilen Welt eine Ruine. Die Welt kommt den Figuren abhanden, sie verlieren sich in ihr. Dabei war sie kurz zuvor noch ein Ort der Sicherheit.

Sprünge, Risse, zerstörte Illusionen, das sind immer wieder Themen in Filmen von Margarethe von Trotta gewesen. Der grundsätzliche Zweifel an allem, was makellos oder fraglos erscheint, hat sie interessiert. Ob in der Bleiernen Zeit, in Rosa Luxemburg oder jüngst in Hannah Arendt, immer wieder ist es die Suche nach den Brüchen in der persönlichen Geschichte. Was bei Personen der Geschichte allerdings leichter gelingt, die oberflächliche Wahrnehmung zu durchdringen und zu den Zweifeln der Personen dahinter zu gelangen, fällt bei rein fiktiven Charakteren schon deshalb schwerer, weil man zu viel erzählen muss, um konsistente Persönlichkeiten zu erhalten. Das ist das Manko dieses Films. Die Figuren bleiben bei aller darstellerischer Kraft zu blass, die Geschichte wirkt gewollt, und das Ende ist dann eine einfache Verunsicherung.

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