Kritik zu Der Tag des Spatzen

© Arsenal Distribution

2010
Original-Titel: 
Der Tag des Spatzen
Filmstart in Deutschland: 
06.05.2010
L: 
104 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Kanonen und die Spatzen: in seinem eigenwilligen Dokumentarfilm, der auf der Berlinale im Forum Premiere hatte, denkt Regisseur Philip Scheffner über Nähe und Ferne des Krieges nach

Bewertung: 4
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Am Anfang des Films fliegt ein Spatz wieder und wieder gegen eine Scheibe, kracht mit dumpfem Aufschlag gegen das Glas und gleitet an ihm ab. Am Ende des Films sehen wir einen Ostseestrand, blauer Himmel, Menschen sonnen sich, und irgendwo draußen auf dem Meer detonieren Raketen, auch mit einem dumpfen Krachen.

Auf solche Verklammerungen und Verbindungen hat es die Doku »Der Tag des Spatzen« abgesehen, und zwischen Anfang und Ende mäandert ein Essay, der nie das Offensichtliche beschreibt, sondern das Verborgene sucht, der immer etwas anderes erzählt, als seine glasklaren Digibilder zeigen.

Zwei Meldungen in einer Zeitung sollen den Film ins Rollen gebracht haben. Im niederländischen Leeuwarden hat ein Spatz 2005 den Ablauf einer TV-Show gefährdet. Weil man ihn nicht fangen konnte, hat man ihn kurzerhand erschossen – was zu einem Medienwirbel führte. In der selben Zeitung stand auch, dass in Afghanistan der 18. Bundeswehrsoldat ums Leben gekommen ist. Was keine Medienaufregung hervorgerufen hat.

Der Krieg in Afganistan war und ist weitgehend unsichtbar in diesem unseren Land, wenn auch der moralische Impetus Scheffers nachzuweisen, dass Deutschland Krieg führt am Hindukusch, heute etwas ins Leere läuft. Und dennoch hat der Krieg sich auch hier des öffentlichen Raums bemächtigt, in Form von Kasernen und Truppenübungsplätzen. Einmal zeigt Scheffer eine liebliche Mosellandschaft, aufgenommen aus dem Cockpit eines Segelfliegers, der sanft dahingleitet. Hier üben die Bundeswehrpiloten für ihren Einsatz in Afghanistan, heißt es dazu im Off.

Die Unsichtbarkeit ist das Thema dieses Films. Die Spatzen sind am Verschwinden, tatsächlich; sie stehen mittlerweile sogar auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten. Der Krieg ist abwesend, und Scheffer zeigt auch seine Gesprächspartner nie in einer Interviewsituation im Bild, sondern lässt nur ihre Stimmen aus dem Off sprechen. Das geht sogar so weit, dass die Untertitel die nicht hörbaren Teile eines Telefonats quasi mitstenografieren. Das dreht sich um Unterstützung der Bundeswehr für diesen Film, und die Truppe ist sich nicht sicher, ob er als Werbung überhaupt taugt. Solche auch persönlichen Wendungen wie diese zur Vorgeschichte findet man in »Der Tag des Spatzen« öfter. Am Ende des Films beobachtet Scheffer mit einem Freund Vögel, ein fast idyllisches Bild, wie viele der Naturaufnahmen in diesem Film. Der Freund, ein Antikriegsaktivist, ist angeklagt, ein Attentat auf militärisches Gerät begangen zu haben.

Philip Scheffner ist tatsächlich ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter. Das Aufspüren des Krieges mit ornithologischen Mitteln ist faszinierend, wenn man auch, natürlich, keine größere Erkenntnis erwarten sollte. Aber es geht ja gerade um das Nebeneinander – von Natur und Menschen, Truppenübungsplätzen und Naturschutzgebieten, Nähe und Ferne, Krieg und Frieden. Und einmal hat Scheffner dieses Nebeinander in einem Bild kondensiert: Da sitzt ein Spatz in einem Kanonenrohr.

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