Kritik zu Der letzte Exorzismus

© Kinowelt

2010
Original-Titel: 
The Last Exocism
Filmstart in Deutschland: 
30.09.2010
L: 
87 Min
FSK: 
18

Die Anatomie eines Exorzismus: Der junge deutsche Regisseur Daniel Stamm untersucht unter der Ägide des US-Horrormeisters Eli Roth die Scharlatanerien von Religion und Medien

Bewertung: 3
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Das Horrorkino ist niemals nur Fantasie. Seit jeher gibt es darin auch eine starke Tendenz zum Realismus: als wollte die Kamera das Unheimliche aufzeichnen, als sollte sich die Technik mit dem Übersinnlichen vereinen. »Der letzte Exorzismus«, der zweite Film des aus Hamburg stammenden Daniel Stamm, veranstaltet ein geradezu diabolisches Spiel mit den Darstellungsweisen der Realität. Der Film beginnt als Doku-Soap. Ein Filmteam, das man nie so genau kennenlernt, porträtiert Reverend Cotton Marcus, einen noch jungen, charismatischen Prediger, der auf Anfrage auch als Exorzist tätig ist: Gegen gute Gage gaukelt er naiven Gläubigen den Hokuspokus des Exorzismus vor – als Placebo gewissermaßen für geschundene Seelen. Doch jetzt soll Schluss sein mit all der Scharlatanerie. Den Pastor plagen Gewissensbisse. Ein letztes Mal will er für die Kamera als Teufelsaustreiber in Aktion treten – gleichsam um den Exorzismus zu exorzieren.

Auf einer abgelegenen Farm soll ein junges Mädchen namens Nell vom Teufel besessen sein. Reverend Marcus macht dem Filmteam und damit uns Zuschauern schnell deutlich, dass er in der kaputten Familie des Mädchens, vor allem in der Trunksucht und Bigotterie des Vaters, den wahren Dämon sieht. Marcus zieht dennoch seine Exorzismusshow ab und ermahnt mit der dadurch gewonnenen Autorität den Vater, vom Schnaps die Finger zu lassen. Überlegen und ironisch lächelt er dabei in die Kamera – allzu überlegen, allzu ironisch.

Über weite Strecken hat Stamms Film das Problem, dass er so langatmig und uninspiriert wirkt wie eine Doku-Soap selbst. Gleichzeitig erscheint der Inszenierungstrick so clever und so falsch wie Reverend Marcus' Aktionen. Spannung kommt erst richtig auf, als die Kamera immer mehr Verstörungen registriert. Mit Marcus' Fake-Exorzismus ist es nämlich nicht getan. Die junge Nell, intensiv von Ashley Bell als Südstaaten-Lolita gespielt, verdreht plötzlich ihren Körper wie einst Linda Blair in »Der Exorzist«, zudem ist sie schwanger – wie einst Mia Farrow in »Rosemary's Baby«.

Ein besonderer Suspense entsteht gerade im Wechselspiel zwischen dem wahnsinnigen Blick des Mädchens und der Perspektive der heimlich alles filmenden Kamera. Hier wird Stamms Film wirklich unheimlich: in der Frage, ob der Kamerablick der Blick des Teufels ist oder der eines genuinen Exorzisten. In der Frage auch, ob das Filmteam mit seinem »Exorzistendarsteller« Marcus Täter ist oder Opfer. Die besseren Horrorfilme sind immer auch Reflexionen über das Kino selbst.

Der Showdown bietet einige überraschende Wendungen; er gibt zugleich einige Rätsel auf. Die Bewohner des Südens, so Stamm und sein Produzent Eli Roth, bleiben für den normalen, rationalen Amerikaner mysteriöse Fremde, die kein ethnografischdokumentarischer Kamerablick bannen kann.

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