Kritik zu Das Leben gehört uns

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Die französische Genrekategorie der »Comédie dramatique« gibt es im Deutschen nicht – für dieses kleine Meisterwerk des Kontrapunkts aber gibt es kaum eine bessere Bezeichnung

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Es ist kein Richtmaß für die Qualität eines Films, dass er auf einer wahren Begebenheit beruht. Aber es ist nicht unerheblich, wenn die Geschehnisse auf der Leinwand durch das Leben beglaubigt werden. Filmemacher verpflichtet es zu einer besonderen Aufrichtigkeit gegenüber der eigenen Erfahrung, den Kinogängern gestattet es einen anderen Grad der Teilhabe.

Für das Hochgefühl, das dieser Film seinen Zuschauern bereiten kann, ist es nicht unabdingbar zu wissen, dass Valérie Donzelli und Jérémie ElkaÏm die Geschichte, die sie hier (als Regisseurin, als Drehbuchautor und als Hauptdarsteller) erzählen, selbst durchlebt haben. Man darf auch skeptisch sein: die Kinoerzählung als Therapie, als Austreibung von Dämonen? Aber umso reicher und tiefer wird dies Gefühl dennoch; zumal am Ende dieser Geschichte die Zuversicht stehen darf.

Der Film beruht auf dem Tagebuch, das die Regisseurin über die Krankheit ihres gemeinsamen Sohnes geführt hat. Auf der Leinwand ist daraus das Märchen einer Katastrophe geworden. Die Verliebtheit von Roméo und Juliette ist ein schöner Rausch. Ihre erste Begegnung besiegelt das Bündnis, das sie eingehen werden: Er wirft auf einer Party eine Erdnuss so zielgenau in ihre Richtung, dass sie sie mit dem Mund auffangen kann. Jeder Widerstand ist zwecklos. Sie heiraten, werden ein schmuckes, freies und gleichberechtigtes Paar. Als Adam geboren wird, ergreift ein anderer Rausch Besitz von ihnen: ein besorgter, beinahe verzweifelter. Bei Adam wird ein Hirntumor entdeckt. Sie hasten von einem Spezialisten zum nächsten. Die Operation ist ein Erfolg, aber die Lebenserwartung des Kleinen liegt nach Ermessen der Ärzte bei fünf Jahren. Die kräftigen Farben, die der Film zu Anfang aufbietet, verblassen diskret.

Sein deutscher Verleihtitel ist nicht schlecht gewählt. Wie das Original La Guerre est declarée (man hört einmal im Fernsehen, wie die USA im März 2003 dem Irak den Krieg erklären: eine unprätentiöse Überschneidung von großer und kleiner Geschichte) kündet er von Selbstermächtigung. Roméo und Juliette leisten erbitterten Widerstand gegen den Tod, gemeinsam mit ihren Familien, den leiblichen wie den wahlverwandten, dem Pflegepersonal und den Ärzten. Eine solche Prüfung lässt sich nicht allein bestehen. Ihre unbändige Lebensfreude mögen sie dabei nicht verlieren; auch wenn ihre Ausgelassenheit zusehends trotziger wird. Als Paar werden sie sich im Verlauf der Jahre trennen, aber ihre innige Verbundenheit geht damit nur in einen anderen Aggregatzustand über. Sie hören nicht auf, einander gutzutun.

Der Erzählgestus des Films ist die Dringlichkeit. Von seinen ersten Bildern an, die laufende Frauenbeine zeigen, stimmt er den Zuschauer auf einen Rhythmus der Atemlosigkeit ein. Bei diesem Lauf dürfen Tempo und Ausdauer keine Gegensätze sein. Durchatmen darf man in dieser melodramatischen Komödie im Geist von Truffaut und Jacques Demy dennoch. Es wird viel gesungen – einmal eine Liebeserklärung an Juliettes Schönheitsfleck, was den Eindruck noch verstärkt, als Zuschauer in ganz Vertrauliches eingeweiht zu werden. Elkaïm hat einen hinreißend eklektischen Soundtrack zusammengestellt, auf dem Vivaldi, Georges Delerue und Ennio Morricone einträchtig neben zeitgenössischen Bands erklingen; mal als atmosphärische Rückversicherung, oft genug als heiterer Kontrapunkt. Kühn und einfallsreich ringt der Film um den richtigen Erzählton und verfehlt ihn nur selten. Nur ein Tabu haben sich die Filmemacher auferlegt: Den Schmerz, die Qualen des Jungen zeigen sie niemals.

Es ist staunenswert, welch tiefes Vertrauen Das Leben gehört uns in das staatliche Gesundheitssystem setzt, auch wenn die Flure der Kliniken von abweisender Nüchternheit sind. In den USA könnte diese Geschichte schwerlich spielen; allenfalls im Milieu der Reichen. Die Ärzte wagen viel, versuchen ihr Bestes. Es wird am Ende genug sein. In der schönen Coda des Films wird der mittlerweile achtjährige Adam von Gabriel, dem Sohn der Filmemacher gespielt. Das Gerede der Eltern und des Arztes langweilt ihn, er widmet sich lieber seinem Videospiel. Welches Privileg diese kluge Langeweile ist! Das Leben gehört ihm. Und den Krieg muss er hoffentlich nie mehr erklären.

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