Kritik zu Casa de los babys

Trailer englisch © IFC Films

Das Private ist politisch – dieser Slogan der Frauenbewegung könnte über dem nicht ganz neuen Film von John Sayles stehen, der mit fast fünf Jahren Verspätung in unsere Kinos kommt

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In einem Hotelzimmer irgendwo in einer südamerikanischen Stadt sitzen sich Eileen (Susan Lynch) und das Zimmermädchen Asuncion (Vanessa Martinez) gegenüber und erzählen aus ihrem Leben, von ihren Wünschen und Nöten. Asuncion hat ihre Tochter zur Adoption in die USA freigegeben, Eileen ist gekommen, um sich im nahegelegenen Waisenhaus ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Sie verstehen die Sprache der jeweils anderen kaum, teilen aber ihre stille Verzweiflung. Diese Szene bringt den politischen Ansatz von John Sayles' »Casa de los Babys« prägnanter zum Ausdruck als die vielen bebilderten Widersprüche, die weite Teile des Films ausmachen: Es geht um die Konfrontation der Lebensbedingungen von erster und dritter Welt, durchexerziert am Beispiel der Mutterschaft.

Eileen ist eine von sechs US-Amerikanerinnen, alle jenseits der Dreißig, die einige Wochen im Hotel Casa de los Babys, geführt von der zynisch-geschäftstüchtigen Senora Munoz (Rita Moreno) verbringen, um dort auf die Zuteilung »ihres« Babys zu warten. Ansonsten haben die Frauen wenig gemein, jede hadert auf ihre Weise mit dem Leben: Skipper etwa (Daryl Hannah), die drei Fehlgeburten erlitten hat, oder Gayle (Mary Steenburgen), die wegen ihres Alkoholismus kinderlos geblieben ist, oder die scheinbar robuste Nan (Marcia Gay Harden), die mit unverhohlenen Drohungen gegenüber dem ortsansässigen Rechtsanwalt ihr Ziel anstrebt und offensichtlich kleptomanisch veranlagt ist.

Den kammerspielartigen Szenen, in denen die Frauen – gespielt von einem herausragenden, aber unterforderten Ensemble, darunter auch Lili Taylor und Maggie Gyllenhaal – mit Intrigen, Klatsch und Lebensbeichten, mit Shopping und Sonnenbaden ihre Zeit totschlagen, setzt Sayles bisweilen recht stereotyp Geschichten aus dem Leben in einem Drittweltland entgegen. Ein junger Arbeitsloser sucht erfolglos einen Job und träumt von einem Leben in Philadelphia, der »Wiege der Freiheit«, Straßenkinder bestreiten ihren Unterhalt mit Diebstählen und betäuben sich abends mit der Schnüffeltüte, eine schwangere 15-Jährige schaut einer trostlosen Zukunft für sich und ihr Kind entgegen. Welche mehr oder weniger hehren Absichten hinter dem Kinderwunsch der Yankeefrauen, wie sie hier heißen, stehen mögen – für viele der Einheimischen sind die Kinder ein Ballast, für das von ihrem Freund verlassene Mädchen sogar eine Schande.

Der Autorenfilmer John Sayles legt, in immer neuen Perspektiven, Aspekte des Themas Mutterschaft auf fast dokumentarische Weise frei, und es zeichnet ihn aus, dass er sich nicht wohlfeil zum Richter über die Motive seiner Hauptpersonen erhebt. In seiner schematischen Gegenüberstellung der Lebenswelten aber, wie bei dem Versuch, ein möglichst komplexes soziales Spektrum aufzufächern, wirkt »Casa de los Babys« allzu didaktisch und durchschaubar und rennt bei einem auch nur leidlich politisch gebildeten Publikum offene Türen ein.

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