Kritik zu Blues March

- kein Trailer -

2009
Original-Titel: 
Blues March – Der Soldat Jon Hendricks
Filmstart in Deutschland: 
22.04.2010
L: 
78 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Landung der Alliierten in der Normandie ist gängiges Kinomotiv. Doch selbst in Spielbergs »Der Soldat James Ryan« sehen wir nur weiße Helden. Malte Rauch lässt nun den schwarzen Jazzmusiker Jon Hendricks von seinen Kriegserfahrungen sprechen

Bewertung: 4
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Laut einer wissenschaftlichen Studie – die 1944 zwar nicht mehr offiziell war, aber das Handeln der verantwortlichen Militärs dennoch bestimmte – war das Gehirn der Afroamerikaner »zu klein«, um dem Kampfeswillen der Deutschen standzuhalten. Von den weißen GI’s sorgsam getrennt, wurden die sogenannten »Negro Soldiers« zunächst nur in Versorgungs- und Hilfseinheiten abkommandiert. Der Einsatz farbiger US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg ist deshalb nur in wenigen, eher heldenhaften Erzählungen überliefert, etwa über die ruhmreiche »Black Panthers«-Panzerdivision. Kaum bekannt ist das unrühmliche Kapitel über den Rassismus in der US-Armee. In seinem sehenswerten Dokumentarfilm schildert Malte Rauch diese alltägliche Diskriminierung hautnah aus der Sicht eines farbigen Soldaten, der auf abenteuerliche Weise desertierte, um anschließend auf glanzvolle Weise die populäre Kultur zu bereichern. Der Jazzmusiker Jon Hendricks ist Mitbegründer des Gesangstrios Lambert, Hendricks & Ross. Er gilt als Vater des »Vocalese«, jener stimmlichen Imitation von Instrumenten, die man heute eigentlich nur noch mit seinem Schüler Al Jarreau verbindet.

Von seinen skurrilen Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich berichtete der Sänger erstmals nach seinem 80. Geburtstag. Ein »Le Monde«-Interview von 2004 inspirierte Rauch zu seinem Film. Von der Kamera begleitet, kehrte der 1921 geborene Veteran noch einmal nach Frankreich zurück. An Originalschauplätzen und in Begegnungen mit Zivilisten, die sich noch an farbige US-Soldaten erinnern, erzählt er eine ebenso abenteuerliche wie facettenreiche Geschichte, die Rauch mit Konzertmitschnitten und Archivfilmen anreichert. Anknüpfend an seinen letzten Film »Die Rollbahn«, in dem er an das Schicksal jüdischer Zwangsarbeiter erinnert, ist auch »Blues March« ein politischer Film. Die Aufarbeitung des Rassismus' innerhalb jener US-Armee, die das antisemitische Deutschland besiegte, ist ein zentrales Kapitel: »Es war, als wären wir in zwei Kriegen gleichzeitig«, erinnert sich Hendricks.

Trotz demütigender Erfahrungen erscheint der steinalte Jazzer nie verbittert. In fast jeder Szene sehen wir ihn über beide Wangen lachen und Witze reißen über seine erzwungene Fahnenflucht: Weil er und seine Freunde Bekanntschaft mit französischen Mädchen geschlossen hatten, eröffneten weiße Militärpolizisten, die leer ausgegangen waren, das Feuer auf die eigenen Leute. Hendricks desertierte und gründete eine Phantomeinheit, die sich durch den zeitweise florierenden Handel mit US-Schwarzmarktware durchzuschlagen wusste. Das Militärgericht wollte ihn dafür hängen. Doch ein jüdischer Anwalt handelt ein mildes Urteil aus. Als Gegenleistung wurde der Rassismus in der US-Armee, Grund für Hendricks' Fahnenflucht, nicht öffentlich thematisiert.

Nicht zuletzt dank dieser Fußnote zur Militärgeschichte des Zweiten Weltkriegs ist der keineswegs antiamerikanische Film der beste von Malte Rauch, locker, hintergründig und doch »beschwingt«. Unangestrengt verknüpft der Dokumentarist ein persönliches Einzelschicksal mit einem unbekannten Kapitel aus der Geschichte jener Musik, die von den Nazis als »entartet« diffamiert worden war und im Nachkriegsdeutschland zum Symbol für liberales Denken wurde.

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