Kritik zu Block 10
Marcus O. Rosenmüller und Alice Brauner arbeiten einen weitgehend unerforschten Aspekt der Schoah auf: medizinische Experimente zur Zwangssterilisierung, die in Auschwitz im Namen der Wissenschaft und mit dem Eifer der Unmenschlichkeit betrieben wurden.
Als der Film sich bereits seinem Ende nähert, findet eine Stabübergabe statt. Dr. Alina Brewda übernimmt die Aufgaben, die bisher der Gynäkologe Max Samuel erfüllte. Seinen Befehlshabern ist er schon lange ein Dorn im Auge. Die junge Ärztin aus Warschau, die in Paris studiert hat, ist zweifellos ein kompetenter Ersatz. Als der Vorgänger sie in ihre Pflichten einweist, kommt ihr ein erstaunlicher Satz über die Lippen: »Sie haben gute Arbeit geleistet.«
Die professionelle Sachlichkeit dieses Lobes ist unfasslich. Beide sind »Funktionshäftlinge« im Stammlager von Auschwitz, die auf Geheiß der SS verheerende Eingriffe an ihren Patientinnen vornehmen – zwei Räder einer monströsen Maschinerie, die selbst in die Kategorie des »unwerten Lebens« fallen, das hier industriell ausgemerzt wird. Eine Stunde zuvor fiel der unerhörte Satz schon einmal, in einem Brief, den Samuel an den Reichsführer SS adressiert. Er schreibt ihn als Patriot (freilich eines anderen Deutschlands), der Himmler um die Freilassung seiner Tochter aus Birkenau bittet. Seine »gute Arbeit« verrichtet er in jener Grauzone, von der Primo Levi schrieb, dass aus ihr jeder menschliche Anstand verbannt ist. Der Film entdeckt minimale Spielräume darin. Während eine Kollegin Befehle offen verweigert, versucht Samuel, Schlimmeres zu verhindern, indem er heimlich nur jeweils einen Eierstock entfernt. Macht er sich dennoch gemein mit den Schlächtern? Eine Patientin schimpft ihn Dybbuk, einen bösen Dämon.
In einem minderen KZ-Film hätte der Arzt, dessen Zerrissenheit Christian Berkel mit leiser Genauigkeit trifft, als Identifikationsfigur gedient und wäre sein Gewissenskonflikt ein zuverlässiger Kompass gewesen. Aber Marcus O. Rosenmüller und Drehbuchautorin Alice Brauner verweigern derlei Bequemlichkeiten, indem sie gelenkig die Perspektiven wechseln; auch zwischen Tätern und Opfern. In »Block 10« hat gleichsam jede Szene ihre eigene Hauptfigur. Es ist ein beklemmend vielstimmiger Film, der an einem Ort das Leid von Jüdinnen aus ganz Europa bündelt. Hinter jeder Figur steht ein reales Schicksal, das eine eigenständige Geschichte tragen könnte. Die KZ-Ärzte sind ohne beschwichtigende Ambivalenz gezeichnet, jedoch als Monstren von durchaus unterschiedlichem Naturell. Dr. Clauberg (dessen Sadismus Axel Prahl eine Spur zu saftig ausspielt) etwa ist ein Außenseiter, ein Forscher auf eigene Rechnung, der den Schutz Himmlers genießt. Die Grausamkeit hat Schattierungen, aber sie bleibt, was sie ist.
Nach dem Prolog verlässt der Film seinen Schauplatz nie wieder. Seine klaustrophobische Inszenierung ist unablässig auf die Situationen und ihre Konsequenzen konzentriert; sie fügt der Tondramaturgie von »The Zone of Interest«, die den alltäglichen Terror ins Off verlagerte, die Evidenz eines weiteren Schreckens hinzu. Rosenmüller filmt die chirurgischen Eingriffe mit einer Unmittelbarkeit, die man schwer ertragen kann. Der Film erschrickt selbst vor der Gewalt, die den geschundenen Frauenkörpern angetan wird. Aber er weicht nicht zurück. In kurzen Momenten der Ruhe stellt sich kein Aufatmen ein. Die Zeugenschaft ist eine Aufgabe, aus der »Block 10« weder seine Charaktere noch das Publikum entlassen kann.











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