Kritik zu The Big Eden

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2011
Original-Titel: 
The Big Eden
Filmstart in Deutschland: 
08.12.2011
L: 
90 Min
FSK: 
12

Herbst eines Playboys: Peter Dörfler porträtiert in seinem Dokumentarfilm die Berliner Lokalgröße Rolf Eden. Nach Achterbahn ein weiteres vielschichtiges Porträt des Mannes als Macho, Egomane und Selbstdarsteller

Bewertung: 4
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Als der Berliner Westen noch golden und gut und alt war, hieß sein Zentrum Ku’damm. Und wer in den, sagen wir einmal, 80er Jahren über den Kurfürstendamm flanierte, bekam unweigerlich ein Kärtchen zugesteckt, das für »Berlins Diskothek No 1« warb: das »Big Eden«. Die Disco in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms war eine Institution, vor allem für die Touristen aus der Provinz. Und ihr Gründer, Rolf Eden, das, was die Boulevardpresse damals einen Playboy nannte, ein Mensch, der in unserer modernen Welt, in der vor allem der Finanzmarkt geil ist, zu einer fast ausgestorbenen Spezies gehört.

Im Dokumentarfilm von Peter Dörfler genießt Rolf Eden den Artenschutz, den der etwas gammelige Ku’damm schon längst nicht mehr hat. Aber will man wirklich etwas über den einstigen Liebling der Boulevardpresse wissen? Will man sehen, wie er am Frühstückstisch mit seiner Frau Brigitte – was man bitte schön »Brischitt« ausspricht – Kartoffelsalat mampft und darüber sinniert, dass am nächsten Tag das Fernsehen kommt? Muss man sich das anhören, was er von der testamentarischen Verfügung erzählt, nach der die Frau, »auf der« er stirbt, 250 000 Euro bekommt?

Nun, man sollte sich das antun, denn Dörfler gelang ein aufschlussreiches, widersprüchliches, vielschichtiges und kluges Porträt. Ursprünglich wollte er einen Film über die sieben Kinder machen, die Eden mit sieben verschiedenen Frauen hat, aber dann haben sich die Arbeiten zu einem Porträt ausgeweitet. Und es gibt auch den unbekannten Rolf Eden: Kaum jemand weiß, dass er 1930 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten geboren wurde, eigentlich Shimon mit Vornamen heißt und 1933 ins damalige Palästina auswanderte. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg hat er mitgekämpft und ist in den 50er Jahren wieder zurück nach Deutschland, ein Mann, der hoch hinauswollte, der seine Discos mit Promis und Fotos von ihm mit mehr oder weniger bekleideten Mädchen ausstaffierte. Dörfler hat ein Faible für diese unreflektierten Männer bigger than life; sein Achterbahn war eine Saga vom Aufstieg und Fall des Schaustellers Norbert Witte, eine Parabel auf das Auf und Ab des Kapitalismus, There Will Be Blood auf Dokumentarisch.

In The Big Eden erzählt der Subtext von den Mechanismen der Selbstinszenierung. Im Leben von Rolf Eden geht es um drei Dinge: Frauen, Geld und, vor allem, Rolf Eden. Immer wieder gibt es Ausschnitte aus Super-8-Filmen, in denen Eden wie ein Reporter seine Frauen und seine Domizile vorführt. Dörfler hat Edens Umgang mit sich selbst, der ja auch so etwas wie eine Marke ist, auf die Spitze getrieben und Eden vor einer weißen Leinwand in die Kamera grimassieren (drei Mal geliftet) und räsonnieren lassen. Das ist mitunter nachgerade niederschmetternd. Egal, was sie schreiben, Hauptsache, sie schreiben meinen Namen richtig, soll Curd Jürgens, auch so ein Selbstinszenator, einmal gesagt haben. Das könnte Edens Motto sein.

Prostituierte würden doch bei dem, was sie tun, Vergnügen empfinden, sagt er einmal. Nein, sympathisch wird er nie, dieser Rolf Eden. Ihm soll der Film ja gefallen haben. Nach diesen 90 Minuten ahnt man auch, warum.

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