Kritik zu Barbara Forever
Regisseurin Brydie O’Connor nähert sich in diesem Porträt auf unkonventionelle Weise dem subversiven Werk der 2019 verstorbenen lesbischen Filmemacherin Barbara Hammer und dokumentiert ihren Einfluss auf das Queer Cinema.
Mit der im September zu Ende gegangenen Ausstellung »Inventing Queer Cinema« der Deutschen Kinemathek in Berlin ist ein ursprünglich subkultureller Begriff sichtbar im institutionellen Mainstream angekommen. Eine der bedeutendsten Pionierinnen von »Queerness« avant la lettre war sicherlich die 2019 verstorbene Filmemacherin Barbara Hammer, die spätestens seit ihrem Kurzfilm »Dyketactics« 1974 als Ikone der lesbischen Filmavantgarde in den USA wirkte. Allerdings sollte es über eine Dekade dauern, bis die wegen angeblicher Obszönität von offiziellen Fördergremien geblockte Künstlerin 1987 mit ihrer ersten Einladung zur Biennale des Whitney Museum of American Art in New York auch Anerkennung in etablierten Kunstkreisen erhielt.
Dabei ist es ein hübscher Funfact, dass die junge Filmemacherin noch 1969 verständnislos im Dunkeln tappte, als sie bei einer universitären Consciousness-Raising-Gruppe zum ersten Mal den Begriff »lesbisch« hörte, wie sie im Film erzählt. Doch das eigene Coming-out sollte sehr bald und heftig folgen – persönlich, sexuell und filmisch. Dabei machte die höchst produktive Künstlerin ihr polyamor-experimentelles Leben und Begehren in Dutzenden Super-8-Filmen nicht nur zum Stoff, sondern auch zur formalen Basis: »I want the screen to be tactile«, verkündet sie dem Auditorium bei einer Werkschau Anfang der 1980er. Dabei verstand sich Hammer neben der sich verschiebenden Positionierung ihres Schaffens zwischen den Polen lesbischer Selbstvergewisserung und künstlerischer Avantgarde durchgehend auch als Historiografin der jungen queeren Bewegung.
Regisseurin Brydie O’Connor hatte sich schon während ihres Studiums intensiv mit Hammers Werk beschäftigt und filmpraktisch »Archive durch queere Erzählstrukturen im nonfiktionalen Bereich belebt«, wie sie sagt. So war sie wohl prädestiniert für dieses Porträt, das sie bravourös mit einer zu Hammers Arbeiten kongenialen unkonventionell spielerischen Erzählweise realisiert. Dabei führt deren eigene aus Archivschnipseln isolierte (und oft suggestiv montierte) Stimme selbst durch den Film, der Leben und Lieben der Filmemacherin, ihre Filme, ihren Aktivismus und ihr Sterben mit auch visuell starker Eindringlichkeit fokussiert. Denn die Krankheit und der nahende Tod (»It’s an adventure, something that I have never done«) der 2019 an den Folgen von Krebs gestorbenen Künstlerin wurden auch integraler und tragender Teil ihres Werks.
Die Frage nach dessen Nachwirkung hatte Hammer aber schon lange vor der ersten Krebsdiagnose 2006 beschäftigt. Eine zentrale Rolle im Film spielt dabei – nicht nur deshalb – Hammers langjährige Lebenspartnerin und Witwe Florrie Burke, die sich der Pflege von Hammers Erbe und ihres riesigen Archivs mit hartnäckiger Leidenschaft angenommen hat. Konsequenterweise führt sie auch durch Passagen des Films, der mit seiner widerständigen Montage dankenswerterweise gegen alle Gebote üblicher Porträtdokus verstößt und so das Subversive von Hammers Leben und Schaffen spürbar macht. Sicherlich auch dafür erhielt der Film im Februar den Teddy-Award.





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