Kritik zu Ander

- kein Trailer -

Roberto Castóns Spielfilmdebüt erzählt vom Coming-out eines baskischen Hinterwäldlers, der wenig mit dem Menschenschlag konventioneller Gay-Filme zu tun hat

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Ander (Joxean Bengoetxea) ist ein wortkarger, fülliger Bauer von vierzig Jahren, der mit verschlossenem Blick unter seiner Halbglatze hervor schaut. Roberto Castóns Film erregte viel Aufmerksamkeit, weil hier einmal keine urbanen Modeltypen, sondern der haarige Körper eines kranken lethargischen Riesenbabys im Mittelpunkt steht, und der Film auch nicht vor Menschen mit Aknenarben zurückscheut. Castóns Figuren sind dabei keine trashigen Überzeichnungen, sie sind moderne Außenseiter in einem randständigen Milieu, in dem der Auftritt des hübschen peruanischen Landarbeiters José (Christian Esquivel) Konfusion stiftet.

Castón legt es auch nicht auf ein tragisches Drama der unterdrückten Homosexualität an. Sein Film ist eher eine Studie in sanftem Bilderfluss, eine Liebesgeschichte auf dem Land, in der die grüne Schönheit der Höhenrücken des Arratiatals ihre eigene besänftigende Faszination ausstrahlt. Die Ruhe der Inszenierung, der stoische Blick auf die Figuren und ihre Konstellationen – alles das zitiert gebrochen die Klischees und fügt sich zu einem visionären Arrangement, einem leise glücklichen Finale. Selbst die Details überraschen angenehm: So macht sich Ander beispielsweise Gedanken über seinen Radiowecker. Die erzählte Zeit ist der Sommer 1999 und vielleicht schafft die Elektronik den Übergang ins Jahr 2000 nicht. Doch am Ende ist nicht nur in Anders Bett, sondern auch in seiner Uhr ein neues Jahrtausend angebrochen.

Ander lebt mit seiner Mutter, einer dienend-herrschenden Witwe (Pilar Rodriguez), und seiner bodenständigen Schwester Arantxa (Leire Ucha) in einem steinernen Höhenbauernhof. Nebenher in einer Fahrradfabrik arbeitend, pendelt er zwischen Kuhstall, Fabrik und einsamen Stunden auf der Weide. Nach einem Sturz für Monate an Krücken, lässt er sich auf die Einstellung des Migranten José ein. Castón inszeniert die diffusen Stimmungen seiner Figuren meisterhaft minimalistisch an stets denselben Schauplätzen. Neben Anders einsamem Bett ist der zentrale Ort die Küche der Mutter, in der das Kochen wie auch das Spiel mit der Sitzordnung subtile Bedeutung gewinnen.

In dieser Gegend fehlt es an Frauen. Muttersohn Ander teilt sich mit dem groben Peio die sexuelle Bereitschaft der Prostituierten Reme (Mamen Rivera), die ihrerseits melancholisch auf ihren abgetauchten Ehemann wartet, und bei allen Hoteltreffs mit ihren Kunden ihr zerbrechliches Kind im Nebenzimmer zum Schlafen bettet. Während Anders alte Mutter eine lustfeindliche Ordnung verkörpert, indem sie aus Angst vor dem Geschwätz ihre Liebe zu Evaristo (Pedro Otaegi) verleugnet, ist Reme ein Gegenbild: Die Hure, ein Inbegriff der warmherzigen Freizügigkeit, hat eine Schlüsselrolle als unterbewusste Mutter der Männer, die weise die Anzeichen schwuler Sehnsüchte deutet und die Geliebten zu sich selbst bringt. Nach dem Tod der Mutter, in der neuen Zeit des angebrochenen Jahrtausends, können sich Reme, José und Ander zu einer intersexuellen Wahlfamilie zusammenfinden.

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